Tagebuch Winter 22/23

Frankfurt, den 30. Oktober

Ich habe viele Bücher. Zu viele Bücher. Glücklicherweise gibt es die Öffentlichen Bücherschränke, in denen auf wunderbare Weise immer wieder Platz entsteht. Dort bringt meine Tochter, wenn sie mich besucht, die Bücher hin, die ich in der Zeit zwischen ihren Besuchen nach und nach aussortiere: zum Beispiel, weil ich sie doch nie mehr lesen werde, oder manchmal, weil ich sie doppelt habe. (Es kommt vor, dass ich ein Buch für so schlecht halte, dass ich es tatsächlich in den Müll werfe. Ich muss mich dafür überwinden, groß ist mein Respekt vor Büchern. Aber wenn ein altes Kinderbuch mit selbstverständlicher Verachtung für Mädchen daherkommt – nur, weil sie Mädchen sind – oder wenn es einfach blöd nationalistisch ist – nur als Beispiele - dann will ich das nicht weitergeben.)

So fiel mir dieser Tage Goethes „Iphigenie auf Tauris“ in die Hände, als Reclam-Ausgabe. Das Theaterstück habe ich doch auch in der Gesamtausgabe, das Heftchen kann ich weggeben, überlegte ich. Vorher schaute ich aber noch hinein.

Das Stück handelt von einer altgriechischen Königstochter, die - um das Kriegsglück ihres Vaters zu sichern -, einer Göttin geopfert werden muss. Auf dem Opferaltar selbst aber verschwindet sie in einer Wolke und wird darin fortgetragen. Fort auf eine fremde Insel, fern der Heimat. Dort begegnen wir ihr, sie lebt dort als Priesterin im Tempel der Göttin Diana. Das ganze Stück spielt „im Hain der Göttin“, auf modern: im Tempelgarten. In ihrem einführenden Monolog fallen schon bald die berühmten Worte:„Das Land der Griechen mit der Seele suchend“ , ihr Heimweh. Bisher las ich in den Kommentaren der Gelehrten, damit sei die Sehnsucht von Goethes Epoche nach dem idealisierten bildungsreichen Frieden des alten Griechenland gemeint, den auch Hölderlin verherrlicht hat. Ich lese weiter von Einsamkeit, von der Sehnsucht nach Familie und Geschwistern: „wo sich Mitgeborene spielend fest und fester mit sanften Banden aneinander knüpften.“ Sie klagt weiter: „Ich rechte mit den Göttern nicht, allein, Der Frauen Zustand ist beklagenswert. Zu Haus und in dem Kriege herrscht der Mann, Und in der Fremde weiß er sich zu helfen. Ihn freuet der Besitz; ihn krönt der Sieg! Ein ehrenvoller Tod ist ihm bereitet. Wie eng-gebunden ist des Weibes Glück! Schon einem rauhen Gatten zu gehorchen Ist Pflicht und Trost; wie elend wenn sie gar Ein feindlich Schicksal in die Ferne treibt!“

Jetzt, heute, dies lesend, staune ich über Goethes Verständnis, seine Einfühlsamkeit für die Leiden der Frauen. Und weil ich schon lange misstrauisch bin gegen die wolkigen Idealisierungen von Weiblichkeit, die sich hinter den Begriffen von Patriarchat und Männlichkeit wie in einem warmen Nest suhlen, frage ich mich: woher weiß er von diesen Widrigkeiten im Leben einer Frau? Wieso kann er sich so verständnisvoll in sie hineinversetzen? Das Bild einer Frau, die klagt, passt zu keiner der bekannten Geliebten oder Angebeteten des Dichters. Es passt nur zu einer Frau in Goethes Leben: zu Cornelia, seiner Schwester. Er hatte nur die eine. Sie wuchsen gemeinsam wie Zwillinge auf, bekamen denselben Unterricht, interessierten sich für alles Neue, dichteten, musizierten. Die Kinder gingen gemeinsam auf Besuche oder ins Theater. Um den Haushalt kümmerte sich die Mutter, aber auch nur von ferne, sie führte die Aufsicht über das Personal, die Vorräte und das Haushaltsbuch. Vielleicht lernte Cornelia von der Mutter das Klöppeln? Es ist nicht viel von Cornelia überliefert, sie starb früh; Goethe mied sie von dem Moment ihrer Eheschließung an, ließ sie fallen – für Cornelia musste es so wirken, als habe er sie im Stich gelassen.

Sie starb 1777 im Kindbett, litt aber schon länger unter Depressionen. 1779 begann Goethe an „Iphigenie auf Tauris“ zu schreiben, stützte sich dabei auf ein entsprechendes Stück von Euripides. Weitere acht Jahre befasste er sich damit, führte es auch öfter auf, in verschiedenen Fassungen kam es auf verschiedene Bühnen. Es war nicht sonderlich erfolgreich, doch das war ihm anscheinend nicht vordringlich. Er brachte es zuletzt vollständig in eine jambische Versfassung. Die, die uns heute so kunstvoll vorkommt.

Hat er darin und in den Jahren der Neufassungen seine Schuldgefühle verarbeitet? Darüber sprach er nie, jedenfalls scheint nichts überliefert. Sind aber nicht alle seine Verhältnisse zu Frauen vorgeprägt von dieser großen Liebe zu Cornelia, die er als Erwachsener nicht weiterführen konnte? Warum das so war, das begründet Iphigenie in ihrem Monolog. Nur der Beruf als Priesterin stand ihr offen in dem Denksystem des älteren Bruders. „....hält mich hier verborgen Ein hoher Wille, dem ich mich ergebe.“ Er weiß, dass sie ohne ihren Bruder überall eine Fremde sein wird. Denn ihm geht es ähnlich.

Und Goethes Stück wird damit enden, dass Iphigenie als Priesterin ihrem Bruder Orest das Leben rettet und danach den engsten Freund des Bruders heiratet.

Happy End. Goethe selbst konnte damit weiterleben. Cornelia nicht.

 

 

Frankfurt, den 28.Oktober

In Frankfurt sieht man derzeit ein Plakat, das einer Todesanzeige ähnelt: in der Art, wie sie in manchen  Ländern an die Hauswände geklebt werden. Schwarz und schlecht gedruckt, fordern sie die Nachbarn zum Mittrauern auf.  Auf diesen neuen Plakaten in Frankfurt steht ein Text, der zusammengefasst besagt: Egal was ihr denkt, sagt "Ja". Es geht immer noch um die Abwahl des Oberbürgermeisters. Das Plakat kommt mir vor wie eine Anzeige zum Tode der Demokratie. Welch einer Farbe auch immer ihr euch zurechnet - wählt nur den Oberbürgermeister ab! Gründe werden keine angegeben, doch wird gemunkelt, dass unter den Antreibern sich auch Immobilienbesitzer befinden, die gern sehr teuer vermieten. Der OB setzt sich aber für Sozialwohnungen, für "bezahllbare Mieten" ein. Hat sich mit Erfolg seit zehn Jahren dafür eingesetzt.

Statt die Demokratie zu betrauern, sollten wir sie schützen!

 

Frankfurt, den 12. Oktober

„Die Höhle von Steenfoll“ ist eine eher unbekannte Geschichte von Wilhelm Hauff, einem beliebten Schriftsteller aus dem 19. Jahrhundert. Bekannt waren vor allem seine Geschichtensammlung „Die Karawane“ oder seine Schwarzwälder Legende „Das kalte Herz“.

Wie ich gestern erzählte, hatte mir mein Vater zu Weihnachten 1943 ein Buch mit Hauffs Märchen geschenkt, die ich immer wieder gelesen habe – außer dieser einen Geschichte, „Die Höhle von Steenfoll“, einer „schottländischen Sage“. Jahrzehntelang mied ich sie, scheute, ja, fürchtete sie. Erst gegen fünfzig wagte ich es noch mal und sah, dass sie ihre Wirkung verloren hatte. Danach legte ich das Buch beiseite.

Gestern nun las ich „Die Höhle von Steenfoll“ mit der Absicht, herauszufinden, WAS mich als Kind daran so verstört hatte. Es geht darin um zwei Brüder, die ihr ganzes Leben zusammenbleiben, nicht heiraten, sich in ihrer großen Verschiedenheit perfekt ergänzen. Der Jüngere ist körperlich stark, sehr arbeitsam, aber nicht sehr helle, der Ältere klug, ideenreich, durchsetzungsstark. Beide zusammen erarbeiten sich im armen Schottland einen gewissen Wohlstand. Irgendwann merkt der Ältere, dass man mit bloßer Arbeit nie wirklich reich wird: er verfällt einem Zauberglauben. Nun ist er überzeugt, dass ihm ein Schatz zufallen wird. Aber wie? In einer nahen Meereshöhle mit zwei Ausgängen sucht er und hört Stimmen, die ihm befehlen, sich in eine frisch abgezogene Kuhhaut einwickeln zu lassen und so an einem einsamen Ort nahe der Höhle eine Nacht zu verbringen. Seine Schatzsucherei hat schon dazu geführt, dass den Brüdern oft das Notwendigste fehlt – nun müssten sie ihre letzte Kuh schlachten! Der Jüngere wehrt sich eine Weile, gibt zuletzt nach - gegen den Bruder kommt er nicht an. Er wickelt den Bruder fest in die Haut ein, legt ihn am Grunde eines schmalen Tales ab und überlässt ihn seinem Schicksal. Wilde Wassermassen, Blitz, Donner, finstere Wolken tun den Rest. Am Morgen „weiß“ der Bruder, wo er zu suchen hat, er befreit sich aus der Kuhhaut ---

Hier wird mir klar, dass ich den Umstand, dass der Mann sich selbst aus der Haut befreit, total vergessen hatte. Einzig und allein das fest Eingewickeltsein, die restlose Hilflosigkeit, hatte ich behalten. Dieses Gefühl war mir unerträglich. Unmöglich, sich dieser Geschichte noch einmal zu nähern. Das wurde mir deutlich. Was mir aber obendrein gestern dabei in den Sinn kam, war das Wissen, dass ich, mindestens im ersten Lebensjahr, „gewickelt“ worden bin, wie mir meine Mutter später erzählte, und wie ich es wohl auch bei meinen jüngeren Brüdern noch erlebt habe. „Gewickelt“ hieß, dass der Säugling so fest von Tüchern umschlungen wurde, dass er sich nicht mehr bewegen konnte. So konnte er sich auch nicht „freistrampeln“, so dass er sich womöglich erkältete. Man konnte das Kind mehrere Stunden sich selbst überlassen. Für überlastete Hausfrauen eine Erleichterung - und zu jener Zeit eine übliche Praxis.

Die Habgier führte die Brüder zuletzt in den Untergang. Das betraf mich aber nicht mehr. Ich war nun frei!

Frankfurt, 11. Oktober

In den vergangenen Jahren schrieb ich nach und nach Erinnerungen an unsere „Flucht“ auf: Kindheitserinnerungen von 1945. Es war die Rückkehr aus den Orten der „Kinderlandverschickungen“, in die während des Krieges Kinder aus den Großstädten kamen, um sie vor Bomben zu schützen, um ihre Ernährung zu sichern. „Auf dem Lande“ war man relativ sicher. Für die Heimkehr brauchten wir dann mehr als drei Monate.

Meine Erinnerungen erschienen in Fortsetzungen in der Vereinszeitschrift des Pensionärsvereins der EU-Beamten, der„Vox“.

Ich schrieb die Erinnerungen bis zur Ankunft in unserer Heimatstadt Dortmund auf – dann brach ich ab. Es wäre ein komplett neues Kapitel gewesen. Die Rückkehr in eine zerbombte Stadt, kaum wiederzuerkennen; der Beginn meiner Pubertät; das dürftige Essen; die sich ändernden Beziehungen zu meinen drei jüngeren Brüdern …... zu viel, zu gewaltig für eine Darstellung.

Schon die „Kinderlandverschickungen“ hatten meine Erinnerungsfähigkeit schwer beansprucht. Nach jeder Fortsetzung brauchte ich Erholung, ehe ich den notwendigen Abstand wiederfand, um weiter zu machen. Sobald ich schrieb, fielen mir ja neue Dinge ein, die jedes Mal ein neues Licht auf das Ganze warfen: Einzelheiten des Gebäudes, in dem wir wohnten, eines ehemaligen Kornspeichers, vielleicht aus dem 18. Jahrhundert, der in der Neuzeit als Wohngebäude ausgebaut worden war. Oder die Bedeutung des böhmischen Schusters im Dorf, wo es doch sonst keine Böhmen mehr gab – zumindest durften ihre Kinder nicht in die allgemeine Schule. „Böhmen“ ist das deutsche Wort für Tschechien; seit Jahrhunderten lebten in Böhmen verschiedene Ethnien nebeneinander. Wir indessen, meine Mutter mit ihren vier Kindern, gehörten nicht dazu, wir waren „Reichsdeutsche“. Wir Kinder lernten jedoch rasch den Dialekt.....

Heute Morgen fiel mir beim Aufwachen ein, dass ich die drei Bücher überhaupt nicht erwähnt hatte, die ich im Rucksack sorgfältig gehütet und als mein einziges Besitztum mit nach Dortmund gebracht hatte. Es waren drei Märchenbücher, die ich bis heute besitze. Ich stand auf und suchte sie heraus. Vertiefte mich in die erstbeste Geschichte, die von „Goldtöchterchen“ handelte, dem einzigen, vielgeliebten Kind seiner Eltern, das eines schönen Sommermorgens hinausläuft auf die Wiese, durch den Busch, an einen Teich kommt und von allen Lebewesen willkommen geheißen wird. Das Kind ist neugierig, und eine Ente bringt es tatsächlich über den Teich, und dort läuft es weiter und freut sich an allen Dingen. Gegen Abend wird es müde und schläft ein – genau wie das Gänseblümchen oder die Aster neben ihm. Aber ein Schutzengel kommt vorbei und nimmt das schlafende Kind auf den Arm und trägt es ins Elternhaus zurück..... Wie ich es jetzt lese, wollen mir fast die Tränen aufsteigen …...

Ich weiß, dass ich während der Flucht und lange Zeit danach all diese Geschichten wieder und wieder gelesen habe. Außer einer einzigen: es war „Die Höhle von Steenfoll“ aus dem Buch „Hauffs Märchen.“ Dieses Buch hatte mir mein Vater zu Weihnachten 1943 geschenkt, er hatte eine liebevolle Widmung hineingeschrieben. Diese eine Geschichte war mir nach der ersten Lektüre dermaßen unheimlich geblieben, dass ich nie wieder hineinzuschauen wagte. Erst als ich schon auf die Fünfzig ging und einige Therapien hinter mir hatte, traute ich mich, sie noch ein Mal zu lesen. Ich wollte wissen, was genau mich an dieser Geschichte so erschüttert hatte.

Die Verhältnisse nach dem Krieg belasteten alle Beziehungen in solchem Umfang, dass ich niemals jemanden fand, mit dem ich über meine Leseerlebnisse hätte sprechen können. Weder meine Mutter, noch die Tanten oder gar jemand anders las, was ich las, war beeindruckt von dem, was ich las, hätte was dazu sagen können oder mir zuhören mögen. Heute verstehen das die wenigsten, aber es war so. Diese Form von Nichtbeziehungen wäre gewiss einen Roman wert – aber wie kann ich das alles in seinem Zusammenhang, hinter dem sich doch Liebe verbirgt, die Sehnsucht nach, der Mangel an Liebe, wie kann ich das in einem Zusammenhang darstellen, der Leser und Leserinnen mitreißt, und der übereinstimmt mit meinen damaligen und meinen heutigen Gefühlen? In einem Zusammenhang, der im Leser, in der Leserin die eigene Liebesbereitschaft stärkt? Womöglich eine Kraft, eine Wand gegen die derzeit aufsteigenden Wut- und Hass-Wogen errichtet?

Ich arbeite daran. Vor 40 Jahren etwa schrieb ich ein Gedicht, das ich selbst nicht wirklich verstand:

„In der Serenissima / lebte ich drei Jahre / im Glanz der Wasser / in der Pracht der Paläste. / Dann ging ich freiwillig / kein Bleidach / bedrohte mich / kehrte heim / ins Reich der Gerechten / die niemand kennt / setzte mich nieder / inmitten von Abgas und Motorenlärm / setzte mich und wartete / auf das Zeichen der Liebe.“

Passt es nicht in den heutigen Zusammenhang?

 

Über die Höhle von Steenfoll muss ich noch etwas nachdenken!