Tagebuch Sommer 2020

Frankfurt, den 25. September

Vor zwei Wochen ging ich im Haus am Dom zu einer Tagung über die Philosophie der Aufklärung  zwischen Leibniz und Kant – nicht als Teilnehmerin, nur als Besucherin.  Die Tagung dauerte zweieinhalb Tage. Es wurde ein überwältigendes Erlebnis. Fast 20 Philosophen – Professoren und  Privatdozenten, Assistenten und Doktoranden aus der ganzen Republik - berichteten einander über die Person, das Werk und die Umgebung von Carl Christian Erhard Schmid, gestorben 1812. Als Schüler von Immanuel Kant hat er dessen Werk interpretiert und an eine nächste Studentengeneration weitergegeben. Darin vor allem liegt seine Bedeutung, in dem Einfluss auf die Kant’sche Überlieferung.  Schmid selbst ist weitgehend unbekannt, er wird gerade entdeckt, und so hörten die Gelehrten einander auf vorbildliche Weise zu, fragten respektvoll, kommentierten, vertraten gelegentlich eine Gegenmeinung. Allein dieser Umgang mit einander von sehr, sehr klugen, wortgewandten und kundigen Männern und einer Frau begeisterte mich. Wo findet man so was sonst?

Nicht, dass ich alles verstanden hätte. Letzten Winter haben wir uns in unserer  bescheidenen Philosophierunde  mit dem Philosophen Leibniz befasst, der 1648 geboren ist (zwei Jahre vor Ende des 30-jährigen Kriegs!); davor studierten wir zwei oder sogar drei Jahre lang die sogenannten Scholastiker, die ihm vorausgingen (und ohne welche das ganze Denken des sogenannten „Westens“ heute gar nicht möglich wäre). Damit, so dachte ich, habe ich mir eine Grundlage erarbeitet. Kant war mir noch immer dunkel, wenn  auch nicht gänzlich unbekannt.  Insgesamt wurde er mir durch die Tagung ein wenig deutlicher.

Die Errungenschaften der „Aufklärung“, zu der man auch die französische Revolution zählen muss, bestanden darin, dass die Vernunft zur  Grundlage der Welterklärung  wurde. Zwar ging man weiterhin von der Existenz eines Schöpfergottes aus, doch alles übrige bestimmten nun nicht mehr die religiösen Dogmen, sondern die Vernunft. Die besagte, dass alle Menschen gleich vor dem Gesetz sind. Dass jeder selbst bestimmt leben darf. Und dass es dafür Einschränkungen gibt in dem Sinn, dass meine Freiheit durch die Freiheit der anderen begrenzt wird. 

Freilich dauerte es noch länger, bis auch die „gottgegebenen“ Monarchien fielen oder einfach in erbliche Präsidentschaften auf Lebenszeit umgewandelt wurden (in denen ein Parlament immer das letzte Wort hat). Heute stehen wir immer noch vor Frauenfeindschaft, Rassismus, Antisemitismus usw. Wieso vor zweihundert Jahren, als die Aufklärungsideen entwickelt wurden, nicht gleich die Frauen als  „Menschen", als "gleich vor den Gesetzen“ betrachtet wurden, verstand ich erst danach. Ich hatte die einzige Frau unter den Philosophen gebeten, mir einen Buchtitel zu nennen, in dem ich die Entwicklung der Frauenrechte in der Philosophie nachlesen könne. Frau Professorin Marion Heinz empfahl mir „Philosophische Geschlechtertheorien“ (bei Reclam erschienen). Darin las ich weiter und entdeckte zu meinem Erstaunen: alle Herren der Aufklärung waren sich darin einig, dass für Frauen gesonderte Gesetze gelten müssten. Zwar galten sie auch ihnen als "Menschen"; dennoch  verordneten sie ihnen zusätzlich zu der vernunftgebotenen Rechtsordnung eine „sittliche Ordnung“.  Sie begründeten das damit, dass Frauen schwächer als Männer seien. In dieser Zeit und in dem folgenden Jahrhundert entstanden all diese Märchen, wonach Frauen weniger „Hirn“ hätten als Männer,  weniger Körperkräfte, weniger Gesundheit, dass sie zum eigenen Wohl im Hause bleiben müssten, weil sie sonst ungeschützt wären, dass ihnen deshalb wer weiß wie viele Berufe verboten bleiben müssten – na ja, Sie wissen schon. Die „Sittlichkeit“ galt im Wesentlichen für Frauen, und nur sehr selten für Männer, und auch für diese nur im Zusammenhang mit Frauen. (Mit weißen Frauen!). Es stellte sich mir heraus, dass die vernunftgeleiteten Herren der Aufklärung sich damit an Aristoteles hielten, der schon 2000 Jahre früher den Wirkungskreis von Frauen auf die Hauswirtschaft, den Oikos, beschränkt hatte. Die Polis, d.h. die Öffentlichkeit, blieb den Männer vorbehalten (aber auch in Athen nur den Männern, die einen Oikos besaßen, also den besitzenden Bürgern).

Übrigens behandelt auch Mozarts Oper „Die Zauberflöte“ dieses Thema! Während im ersten Teil die alten Männer singen, dass eine Frau zum Untergang bestimmt sei, sobald „sie ihren Wirkungskreis verläßt“, singen sie im zweiten Teil: „Die Frau, die Nacht und Tod nicht scheut, ist würdig und wird eingeweiht“. Die Gleichberechtigung bestand in der Oper darin, dass auch Männer beweisen mussten, dass sie Nacht und Tod nicht scheuten, um „eingeweiht“ zu werden. Es waren dies die in vielen Kulturen vorkommenden Initiationsriten, die nur für Männer vorgesehen sind und aus denen sich die Stellung des Einzelnen, des Erwachsenen, innerhalb der Gesellschaft ergab.

Die „Initiation“ der Frau bestand in Schwangerschaft und Geburt. Jedoch wurde dadurch auch ihre Position in der Gesellschaft festgelegt. Von Männern. Das galt fast überall auf der Welt so.

Die Verantwortung für Kinder ist in dem Kampf zwischen Frauen und Männern bei uns fast verloren gegangen. Inzwischen melden sich die Kinder selbst und kämpfen mit dem Klimaprotest für ihre Zukunft. Heute, 25. September 20, Klimastreik im ganzen Land.

 

 

 

 

Frankfurt, den 17. September

Seit vielen Tagen lebten wir in einer paradiesischen Windstille, wir gewöhnten uns daran und ließen alle Fenster offen stehen. In dieser Nacht aber erhob sich wieder der Wind. Jetzt müssen wir darauf achten, dass die Türen nicht schlagen und von den Fensterbänken nichts fortweht. Die Welt taucht in Wolkenschatten. Nur Regen will sich nicht melden. Wie lange wird unser Wasser noch reichen?

Meine Gedanken streifen indes woanders herum. Statistik ist keine Mathematik, sage ich mir, sie benützt sie nur. Mathematik, so meint man, habe eine wunderbare Eindeutigkeit und Klarheit und biete sichere Beweise. Ja, sie beweist immer, dass 1+1=2 und dass 10x10=100 ist. Doch nie sagt sie, wer oder was mit den Hundert gemeint sei: Äpfel? Menschen? Sterne? Wenn wir nun Tag für Tag im Radio, im Fernsehen oder auf sonstigen Apps (von "Appliance" = Anwendung) die Zahl der Neuinfektionen vernehmen - wir leben seit Februar, März in einer Pandemie -, so nennt man uns nicht die Zahl der Leute, die sich gestern neu infiziert haben, sondern den Wochendurchschnitt, genauer, den 7-Tages-Durchschnitt. Dabei ändern sich die Zahlen jeden Tag und bleiben doch immer Durchschnitt. Das Verfahren schützt uns vor allzu großen Sprüngen von einem Tag zum andern. Und wie weiß man, wer sich neu infiziert hat? Meines Wissens sind es in Deutschland die Gesundheitsämter, die Zahlen sammeln und weitergeben. Auch sie können nur wissen, was ihnen gemeldet wird. Ich will das System nicht schlecht machen, im Gegenteil. Es dürfte das beste sein, das es im Moment gibt. Nur: mathematisch ist es nicht. Hinzu kommt, dass die Krankheit selbst noch nicht gänzlich erforscht ist. Was ich weiß: sie befällt zuerst die oberen Atemwege. Das sind die Wege von den Nasenlöchern bis in den Mundraum. Ich las dieser Tage, Gurgeln könne vorbeugend helfen. Womit soll man gurgeln? Das stand dort nicht. Als Kinder lernten wir, mit einer Kamille-Wassermischung zu gurgeln. Das half gegen Halsschmerzen und Schnupfen und andere Beschwerden. Die Apotheken bieten einen Kamillenextrakt an, von dem ich ca. 20 Tropfen ins Wasserglas träufele. Damit gurgle ich manchmal, ist ja auch hilfreich zur Vorbeugung von Grippe.

Inzwischen hat sich draußen die Wolkendecke gelockert, die Sonne tritt herovr. Nur der Wind bläst weiter. Der Herbst hat begonnen.

 

 

Frankfurt, den 1. September

Die Freude des Aha-Erlebnisses! Das Vergnügen, kapiert zu haben! Das Staunen vor einer neuen Erkenntnis! Gestern hat die taz einen Leserbrief von mir abgedruckt, und die Sache bewegt mich noch weiter. Zunächst entdeckte ich doch noch einen Fehler in meinem Text, oder gar zwei? Wenn ich so einen Brief schreibe, weiß ich, dass der Platz knapp ist und dass ich mich so kurz wie möglich fassen muss. Was genau will ich sagen oder fragen oder zu bedenken geben? Da ich in Zusammenhängen denke, die mir aber nicht immer selbst bewusst sind, greife ich häufig zu weit, gebe noch dies oder das zu bedenken, was die  Sache an sich bereichert, aber auch dazu führt, dass der/die Hörende oder Lesende mir nicht mehr folgen mag. Schon vor gut dreißig Jahren sagte mir mal jemand (einer, der mir wohlgesonnen war), dass meine Texte wirklich interessant würden, nachdem er sie zweimal gelesen.... Ich verstand das damals als Kompliment! Und begriff nicht, dass es unter den Umständen praktisch keiner liest.....

Also: mein Leserbrief. Es ging um Digitales. Gern betone ich, dass ich mich mit Digitalem nicht auskenne, nur das Notwendigste weiß. Und vor allem: dass das Digitale ein WERKZEUG sei, nicht das Wesentliche. So, wie ich früher einen Nagel zu verwenden verstand, ohne mich deswegen mit Schmiedestahl und seiner Herstellung auszukennen; es ging mir darum, ein Bild an die Wand zu hängen. In dem taz-Artikel ging es um den "Kampf ums Canceln". Darüber wurde umfangreich berichtet. Ich weiß, wie man (im Netz) etwas löscht, und dass die Justizminiister darum kämpfen, dass demokratiefeindliche oder sonstwie kriminelle Eintragungen aus den öffentlichen Medien enfernt, von den Plattformen "gelöscht" werden. "Der Rechtsstaat gilt auch für das Netz!" bekräftigte vor drei Jahren Heiko Maas, als er noch Justizminister war.

Was ich hier vorführe, ist meine Neigung zum Abschweifen. Aus jedem Satz quellen mehrere weitere, in verschiedene Richtungen.  Darum hier erst mal der Leserbrief, in seiner gedruckten Fassung:

„Brief des Tages:

Bitte gewöhnliches Deutsch verwenden

<Der Kampf ums Canceln>

taz vom 26.8.20

Immer wieder erfahre ich aus der taz Dinge des Alltags oder Definitionen, die mir zuvor fremd oder unbekannt waren, und ich bin dann sehr froh darüber. Diesmal fühle ich mich frustriert. ‚Cancel culture’ bleibt mir verschlossener denn je. Was bedeutet ‚Cancel culture’? In Ihrem Artikel ahne ich, dass Sie, sehr an die digitale Sprache gewöhnt, eine allgemein verständliche Formulierung nicht ohne weiteres finden. Sie fordern, die digitale Sprache müsse ‚über sich hinauswachsen’. Aber kann sie das? Leibniz hat darüber lange nachgedacht, ja, schon er wollte die Welt mit der mathematischen Sprache philosophisch erläutern.  Da wäre alles so wunderbar klar gewesen! Er hielt es am Ende nicht für möglich. Er kam von Descartes, von Aristoteles. Er kannte die andere Logik: „Alles fließt“ – „Ich denke, also bin ich“. Kurzum, darf ich die Bitte wagen, mir ‚cancel culture’ in ein gewöhnliches Deutsch zu übersetzen, notfalls mit ‚Anmerkungen des Übersetzers’? Damit ich mir was drunter vorstellen kann, auch ohne in die Schlünde der Social Media einzutauchen?“

Darunter mein Name, Frankfurt am Main. Komisch, die Stadt setze ich immer dazu...... (Darüber könnte ich wieder einen ganzen Absatz verfertigen.)

Die taz hat sehr klug gekürzt. In dieser Knappheit aber springt mir ein Fehler ins Auge, mein Fehler: Aristoteles hat ja nie "Alles fliesst!" gesagt, das würde überhaupt nicht zu ihm passen. Er war  für die Usrpünge zuständig, für die Grundlagen. Physik und Metaphysik. "Alles fließt" sagte ein anderer, ich müsste nachgucken, wer das war. "Alles fließt" bedeutet Gegenwart. Vielleicht die beste Definition von Gegenwart überhaupt. Hätte ich alle drei Philosophen in meinem Brief nennen sollen? War nicht gerade die Beschränkung auf zwei Philosophen ein wesentlicher Kotau vor der Notwendigkeit des Knapphaltens? Wären die zwei nicht ausreichend gewesen? Nun, von Aristoteles hatte ich kein geeeignetes Zitat im Kopf, andererseits ist er der Turm im Gebäude der Philosophie des Abendlandes, jeder ist dem Namen schon mal begegnet. Das galt für den Autor von "alles fließt" nicht. Aber "alles fließt" versteht heute fast jeder, auch wenn er es nicht allzeit bedenkt. Wäre mein Verstoß gegen die Logik - Aristoteles nennen, aber einen andern zitieren - vernachlässigbar, weil im Kopf des Lesers eher eine Nachdenklichkeit angestoßen würde? Das war ja mein Trachten im wesentlichen: Anstöße geben. "Quand on a su on sait." (Schwer übersetzbar: wenn man einmal von etwas erfahren hat, so weiß man es. In etwa: die Unschuld des Unwissens ist unwiederbringlich dahin, wenn man einmal begriffen hat.)

Aber dann: die Freude des Aha-Erlebnisses!

 

 

Frankfurt, den 26. August

Christoph Scheubner, von dem ich vorgestern berichtete, er ist Vizepräsident im Internationalen Auschwitzkomitee, stellte an dem besagten Tag auch ein  Buch vor: „Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen“.

Das war an der „Rampe“ von Birkenau, gewiss erinnern Sie sich an die deutschen Reithosen-Offiziere mit ihren Peitschen und Schäferhunden?

Das erwähnt aber keiner in dem Buch. Nur außen auf dem Buchdeckel sind zwei dünne unregelmäßige Birkenstämme aufgemalt, zur Erinnerung für den Leser. Birkenau war der Teil von Auschwitz, wo die Gaskammern und die Krematorien standen. Sie erinnern sich doch an die Gleise, die schnurgrade auf ein Torhaus zufahren? Das war Birkenau, und gleich hinter dem Tor: die Rampe. (Vor Jahren, als ich dort war, herrschten 34° C Sommerhitze, und so wurde den Besuchern der lange Weg zu den Krematorien erspart, am Vortag war schon jemand ohnmächtig geworden. Darum weiß ich nicht, ob es nur eins war oder mehrere. )

Christoph Scheubner hat lange Jahre hindurch unzählige Gespräche mit Überlebenden geführt.  Aus seinen Erinnerungen und seiner Einfühlung  lässt er sie nun öffentlich sprechen, sie oder die Toten, die nichts mehr sagen können. Es sind drei verschiedene Geschichten, die eine Ahnung vermitteln von den Menschen, die hier  ermordet wurden, deren Geist und Wissen und Fühlen vernichtet werden sollten, und von denen nur sehr wenige überlebten.

Die erste beginnt mit dem Satz: „Mit mir trage ich immer das leere Haus, die Fenster offen, der Wind bewegt die Gardinen.“ So heißt die Geschichte auch: Das leere Haus. Die  Erzählende ist die einzige von der ganzen Familie in diesem Haus, aus dem sie alle vertriebenwerden. Die Einzige, die sich schließlich retten konnte, und die mit 93 erzählt. Bis nach Pittsburgh/USA hat sie es geschafft, möchte alles vergessen.

Ist das möglich? Nein, es wird nicht möglich sein.

In der zweiten Geschichte, „Ein Stück Wiese, ein Wald“, sprechen eine Frau und ein Mann abwechselnd. Sie stehen in einem Wald und warten. „Alle sind weg“, wundern sie sich, also nicht nur „die Ihren“, sondern auch die Bewacher. Sollen sie ihren Leuten einfach nachgehen? Was wird von ihnen erwartet? Nach solcher ergebnisloser Fragerei steigen die Erinnerungen an „zuhause“ wieder auf: an die Kinder, an die Schwestern, an die Musik, an den Holzhandel. An die, die (beizeiten) weggegangen oder (beizeiten) gestorben sind. Leser*in erfährt mancherlei über die beiden – aber nicht, was aus ihnen geworden ist. Die Geschichte endet, bevor die Sprechenden die Wirklichkeit begreifen .....

Die dritte Geschichte trägt den Buchtitel. Sie handelt von zwei Monologen des Ehepaares Nussbaum – er, Felix,  aus Osnabrück (heute ist ihm dort ein großartiges Museum gewidmet) und sie, Felka, aus Polen, die sich ihren Malerinnenberuf hat mühsam gegen die Eltern erkämpfen müssen. Beide haben sie gemalt, und konnten schließlich auch davon leben. Vor 1933. Noch 1932 erhielten sie ein Stipendium für die Villa Massimo in Rom. Ein ganzes Jahr frei von den Nachstellungen, die in Berlin längst begonnen hatten! Dann steckte jemand ihre Berliner Wohnung in Brand, und alle Bilder wurden zerstört.  Sie kehrten aus Rom nicht mehr zurück – aber wohin, als dort zuletzt  der Staat die gleichen Verfolgungen aufnahm? In Belgien hungerten sie, aber sie lebten. Sie zeichneten mit Bleistift, damit kein Farbgeruch sie verriet. Doch 1944 wurden sie verraten und kamen mit einem der letzten  Transporte nach Auschwitz, wo sie nicht mehr zu den Befreiten gehörten.

Das Buch, knapp 100 Seiten lang, ist so schön gestaltet,  dass  etwas Sakrales davon ausgeht. Zuerst dachte ich: wie ein Gebetbuch! Doch die Gebetbücher, die ich kenne, stecken voll ewig wiederholter Worte, während dieses Buch hier neue Worte enthält, Worte, deren Innigkeit zu lauschen man – oder ich  - mich nicht entziehen kann.  Und dann? Was kann ich tun?  Ich sage: mögen Eure Seelen in Frieden ruhen. Ich will tun, was in meinen  Kräften steht, damit  solche Greueltaten in unserm Land nie wieder geschehen. 

Geschrieben im Jahr 2020, das sind 75 Jahre, also drei Generationen, nach der Befreiung von Auschwitz.

Christoph Scheubner: "Ich sehe Hunde, die an der Leine reißen";  bei Steidl 2019

Frankfurt den 24. August

Schon vor einer Woche wollte ich diesen Text einstellen, was aber wegen technischer Probleme nicht möglich war. Jetzt funktioniert es wieder - dank meinem media-design-Berater!

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Am Sonntag, dem 16.8., besuchte ich eine Veranstaltung, die „Von Auschwitz erzählen“ hieß; sie gehörte in den Rahmen eines Literaturfestivals, das vom „Hessischen Literaturforum im Mousonturm“ konzipiert und im Haus am Dom organisiert wurde.  „Stromern“ nannten sie das Fest  (ein Wort, das der Mann von der Vorverkaufsstelle nicht kannte). Im Haus am Dom gab es mehr Platz als im Mousonturm, und so ließ sich doch auch trotz der vom Gesundheitsamt geforderten Abstände etwas herzeigen.  Es wurde ein breiter Querschnitt aus der gegenwärtigen Literaturszene.

Von Auschwitz erzählen? Gemeint waren zunächst die „Zeitzeugen“, die Menschen, die selber noch im KZ  gelitten, überlebt hatten und darüber in Schulen und anderswo Bericht gaben. Sie „erzählten“, und nun, nach 75 Jahren sterben sie aus. Dürfen auch Nachgeborene davon erzählen?

Auf dem Podium befand sich als  Moderator ein Literaturkritiker namens Christian Dinger; als Referenten  saßen neben ihm  (mit Abständen) Christoph Scheubner, der stellvertretende Vorsitzende des Internationalen Auschwitz-Komitees, und Werner Hanak, stellvertretender Direktor des Frankfurter Jüdischen Museums.  Herr Scheubner war als Nicht-Jude in Nordhessen geboren, Herr Hanak ebenfalls als Nichtjude in Salzburg.

Herr Hanak war lange in Wien tätig, sprach mit einem leichten, singenden Wienerischen Akzent. Er verstand sich von der Ausbildung her als Museumsgestalter. Die Frage: wie erreiche ich als Museum die Menschen,  für die das Museum  gedacht ist?  muss immer wieder gestellt werden. Das Frankfurter Jüdische Museum eröffnet neu nach dreijähriger Bauzeit am 21. Oktober 20.  Neugierige können sich schon jetzt im Internet ein Bild von dem Angebotenen machen. Ich ziehe es vor, bis zur tatsächlichen Eröffnung zu warten.  Die Wirklichkeit hat einfach mehr Flair als ein Bildschirm vermitteln kann.

Herr Scheubner berichtete über seine Führungen von Jugendgruppen in Auschwitz und vielen anderen Initiativen, um die er sich seit Jahren kümmert.  Er wies auch in deutlichen Worten darauf hin, dass „Zeitzeugen“ ein etwas schwammiger Ausdruck ist: die Menschen wollten als „Zeugen“ auftreten, auch vor Gericht; es gehe nicht um Schuld oder Beschuldigung, es gehe ihnen um das öffentliche Zeugnis. Um eine öffentliche Anerkennung des geschehenen Unrechts. Schließlich rief er dazu auf,  an die Überlebenden in Belarus, angesichts der dort herrschenden Unruhe,  zu denken. Spontaner Beifall brandete auf.  Was man konkret tun kann, sagte er nicht.

Herr Hanak äußerte unter anderem, dass er der Jugend nicht nur mit Tod begegnen wolle – was sind KZs anderes als Stätten des Todes? – sondern sie lebende Menschen treffen lassen möchte; im übrigen aber sei Antisemitismus, so betonte er, eine reine Erfindung, habe nichts mit Juden zu tun.  In der Sache stimme ich ihm zu; in der Realität aber werden Juden heute durch Antisemiten in ihrem Leben bedroht.  Also geht es sie doch an.  Auf der anderen, der nicht-jüdischen Seite jedoch, steckt so viel Gefühl, so viel Ressentiment, so viel Erregung in dem überlieferten Antisemitismus, dass auch da schwerlich von reiner „Erfindung“ zu sprechen wäre, ohne dass sich die Leute achselzuckend abwendeten.

All das weist mich immer wieder auf den Gedanken hin, dass die gemeinsame deutsch-jüdische Geschichte in unsere normale Schulbücher gehört.  Im nächsten Jahr sollen „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ ausgerufen werden. Es gibt ein Dokument von 321 aus Köln, in dem eine jüdische Gemeinde in Köln nachgewiesen wird. Köln war damals die wichtigste römische Stadt im römischen Germanien, praktisch die germanische Provinzhauptstadt. Ein „Deutschland“ gab es nicht, nur das römische „Germania“, von dem die Römer einen Teil besetzt hatten.  Ungefähr 130 Jahre später wurde Köln von einem Frankenkönig erobert, seitdem war es Fränkisch. Dieser Franke hielt aber alle Funktionsweisen der Stadt – römische Gesetze, lateinische Sprache, römische Währungen – aufrecht. So bewahrte sich die Stadt ihre Bedeutung, ihren Wohlstand. Aus der „Colonia“ wurde „Köln“. Im Jahre 800 ließ sich der fränkische König Karl in Rom zum Kaiser des „heiligen römischen Reiches deutscher Nation“ krönen. Er übernahm die Reste der römischen Verwaltung, das fränkische Selbstbewusstsein und wurde „deutsch“. Das römische Recht hatte die Kirche inzwischen schon zum kanonischen Recht weiterentwickelt. Das „Reichsrecht“ entstand. Es hielt 800 Jahre. Mindestens.

So gibt es eine deutsche Geschichte und eine jüdische Geschichte; in Deutschland beeinflussten sich beide gegenseitig viele Jahrhunderte lang. Darüber sollten alle bescheid wissen, die hier leben! Alle! Nur dann können wir in Frieden zusammenleben. Was ich mir von Herzen wünsche. 

Zu dieser gemeinsamen Geschichte gehört auch Auschwitz. Aber eben nicht nur. Sie ist (mindestens) 1700 Jahre alt.

 

Frankfurt, den 29. Juli

In dem Bemühen, meine Bibliothek von Überfüllung zu befreien, sortiere ich dann und wann Bücher aus, die ich in einen öffentlichen Bücherschrank bringe( (wo ein Geben und Nehmen jedermann erlaubt ist). Zu meiner Freude ist dort immer wieder Platz. So versuche ich, auszusortieren; doch bei näherem Hinsehen mache ich dann leider oft Entdeckungen, die mir das Buch in meiner Hand besonders wertvoll erscheinen lassen. Seufzend lasse ich vorläufig ab von meinem Bemühen.

Neben der Tageszeitung erhalte ich verschiedene Zeitschriften; darunter alle vierzehn Tage die "London Review of Books". Seit einigen Tagen habe ich mich dort an einem Aritkel über die WHO, die Weltgesundheitsorganisation, festgelesen; ich habe versucht, ihn im Groben zusammenzufassen, denn die "Geschichte der WHO" hat ja sehr viel mit unserer Gegenwart zu tun, mit der Corona-Pandemie. Das Ergebnis finden Sie hier:

Frankfurt, 28. Juli 2020 

DIE GESCHICHTE DER WELTGESUNDHEITSORGANISATION (WHO)

Warum wollen die USA  eigentlich aus der WHO austreten?  Und: wollen die USA das wirklich? Oder ist es wieder nur eine Als-ob-Drohung, die im Hinblick auf die Präsidentenwahl eine kriegerische Kulisse suggerieren soll?

Diese nicht unberechtigten Fragen scheinen sich nach und nach in eine Nebensache zu verwandeln, wenn man sich die Zeit nimmt, den großen  Artikel von James Meek  über die Geschichte der WHO zu lesen. Ich fand sie in der „London Review of Books“ vom 2. Juli 2020.

Nachdem es im 19. Jahrhundert weltweite Cholera-Epidemien gegeben hatte, schlossen sich 1907 zum ersten Mal 13 Länder zu einem „Internationalen Amt für Öffentliche Hygiene“ zusammen (außer USA, Brasilien und Ägypten nur europäische Mitglieder,  Sitz: Paris). Doch dessen Ziel war weniger die Gesundheit der Welt als ein rechtzeitiger Austausch von Informationen zwischen wohlhabenden Nationen für den Fall einer Pandemie, deren Entstehen selbstverständlich den weniger wohlhabenden Nationen (damals oft noch Kolonien) angelastet wurde. Rassismus, kultureller Dünkel galten als unhinterfragbarer Beweis von angeborener Überlegenheit. So rutschte diese Organisation wie von selbst ins Naziregime (durch Vichy in Paris) und wurde nach dem 2. Weltkrieg aufgelöst, nachdem  schon 1923 in Genf, zusammen mit dem Völkerbund, eine eigene Welt-Gesundheits-Organisation entstanden war.  Als 1945 in San Franzisco über die Gründung der UNO (anstelle des Völkerbundes) diskutiert wurde,  brachte ein chinesischer Mediziner und Diplomatensohn den Vorschlag auf die Tagesordnung, wonach zusammen mit der UNO eine separate Welt-Gesundheitsorganisation  gebildet werden solle, und eine Mehrheit stimmte dem zu.

Die neue WHO gab sich eine „Magna Charta für Gesundheit“; darin definierte sie Gesundheit als ein „universales Menschenrecht“,  „nicht nur als eine Abwesenheit von Krankheiten oder als Behinderungen“, sondern als einen „Zustand  körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens“. Verantwortlich war sie für die Sammlung von epidemiologischen Daten und für eine Standardisierung medizinischer Terminologie. Darüber hinaus blieben die  Aufgaben unbestimmt und unbegrenzt. Zur Finanzierung wurden auch stets private Stiftungen eingeladen, neben den Beiträgen der Mitgliedsstaaten. Wenn die USA bislang fast die Hälfte des WHO-Haushalts decken, dann auch, weil das Einfluss ermöglicht und weil es der amerikanischen Pharma-Industrie nützt.

James Meek erzählt die Fakten auf unterhaltsame und eingängige Weise, wo sich eins aus dem andern ergibt, und man nebenher eine Menge erfährt. Der heutige Generaldirektor der WHO  heißt  Tedros Adhanom Ghebreyesus  (1) und ist Äthiopier. In seinem Land hat er sich u.a. dafür eingesetzt, dass eine Gesundheitsversorgung  auf örtlicher Ebene aufgebaut wurde: Tedros, als Gesundheitsminister, begann damit, 30.000 Absolventen der Sekundarschulen  (hauptsächlich Frauen) ein Jahr lang dafür auszubilden; diese gründeten dann in ihrer heimatlichen Umgebung ein Zentrum für Gesundheitsberatung. Die weitere Phase bestand darin, dass jede ausgebildete Frau vor Ort fünf Frauen anleitete; dass jede dieser fünf ihrerseits fünf Frauen anleitete. Mit dem Ergebnis, dass zwischen  1991  und 2015 die Kindersterblichkeit um zwei Drittel zurückging, die Müttersterblichkeit um 71%, AIDS-Ansteckungen um 90% sanken und an Malaria 73% weniger Menschen starben.  Für konservative Amerikaner riecht das trotzdem nach Sozialismus. Sie halten technische Lösungen für das bessere System : modernste Krankenhäuser, neueste Medikamente, und das ungeachtet des Umstands, dass Länder mit niedrigen Einkommen solche Krankenhäuser nicht unterhalten  und sich teure Medikamente nicht leisten können. So standen sich bei der Wahl des neuen WHO-Generaldirektors im Jahre 2017 auch die zwei Methoden gegenüber: allgemeine technische Lösungen gegen individuellen Ansatz. Afrika und die Afrikaner, China und die Chinesen stimmten für den Äthiopier und gegen die Technik-Anhänger.

James Meek, in seiner bewundernswerten Erzählkunst, beschreibt all dies und mehr auf etwa sechs DIN-A-3-Seiten, er geht in Details immer dann, wenn es notwendig ist, um glaubwürdig zu bleiben. Sehr umfassend stellt er dar, was sich ab Dezember 2019 in Wuhan abspielte, einer 11-Millionen-Stadt, und warum die WHO etwas zu spät die ersten Infektions-Nachrichten aus China bekannt gab. Sie ist nämlich darauf angewiesen, dass die Behörden von sich aus ihnen die Informationen zukommen lassen; und bekanntlich wollten die chinesischen Behörden einige Wochen lang die Pandemie nicht eingestehen, weil sie sie aus nationaler Sicht  als demütigend empfanden. Doch sobald sie sich des wirklichen Sachverhalts bewusst wurden, haben sie alles vorbildlich gemacht, betont James Meek.

Der Aufsatz ist auch eine bewusste Abgrenzung von den im Westen verbreiteten Meinungen über Tedros als einen „umstrittenen“ Politiker, wie das im Journalistenjargon heißt. „Umstritten“ bedeutet da nicht mehr als <ich möchte es mit keiner Seite verderben>. Von solchem Opportunismus hält Meek sich fern. Auch darum wirkt sein Text so wohltuend auf die Leserin. Er schreibt für  Gerechtigkeit und mit Respekt für den WHO-Chef, und nicht um einem Mächtigen zu gefallen. Natürlich schreibt er auf Englisch, und die Zitate habe ich übersetzt. Darum empfehle ich denen, deren Englisch dazu ausreicht, den Artikel selbst zu lesen. Er rückt einem gewissermaßen die Brille zurecht.

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 Tedros ist „Biologe (Asmara) mit einem Master in Immunologie (London) und einer Promotion in ‚Community Health’ (öffentliche Gesundheit), die er an der Universität Nottingham ablegte, bevor er in die Politik seines Heimatlandes ging. Dort war er zuletzt Außenminister, davor (2005–2012) Ge­sund­heits­mi­nis­ter. Als solcher erlangte er internationale Anerkennung, als er das äthiopische Gesundheitssystem massiv ausbaute. Er schuf 3 500 medizinische Zentren, stockte das Personal auf und ließ 40 000 Helferinnen ausbilden, die in ländlichen Regionen Basisversorgung und Beratung anbieten. Zudem engagierte er sich in den internationalen Programmen zur Eindämmung von Aids und Malaria.“  (Ärzteblatt 2017)

Frankfurt, 23. Juli

Heute war ein Tag ohne Termine, und so bin ich, ohne es zu beabsichtigen, in eine Suche nach meinem Namen im Internet gegangen. Darüber sind Stunden vergangen, denn ich fand erstaunlich viel, auch über Sachen, an die ich mich kaum noch erinnerte. So holte ich mir eine ganze Reihe meiner Texte in meinen derzeitigen Speicher zurück, das war interessant.

Eine neue Erkenntnis bot sich mir, als ich die Ankündigung des Verlegers von meinem  Roman "Kindertreu" für eine öffentliche Lesung in Münster in Westfalen wiederfand. Dieser Verlag hat außer dieser Lesung, zu der praktisch niemand kam, nie etwas für mein Buch getan. Warum nicht? Denke ich seinen Kommentar heute durch, den er 2014 zu der Münsteraner Lesung geschrieben hat, dann schimmert eine Antwort durch. Er sprach über seine erste Autorin, die die Edda "neu erfunden" habe, die "Lilith" über Götterchef Odin stelle und anscheinend feministische Thesen als antinazistische Hinweise nutze. Zu mir, als zweite Autorin, sagte er: "Während Barbara Höhfeld aus dem generationenübergreifenden Kontext einer Familie die von Politik und Mythologie weithin unabhängigen Probleme persönlicher Identitäten zeigt, führt Michael Wohlfarths Erzählung »Heile Welt« zur zartbitteren Einsicht, dass auch ein Vieteljahrhundert nach der territorialen Wiedervereinigung der Weg zu einer als gesamtdeutsch empfundenen mentalen Identität noch nicht zu Ende gegangen ist", d.h er gebrauchte mich als Übergang und Gegensatz zu seinen  wichtigen Themen, "Mythos" und "Politik" - was er darunter verstand, nämlich germanische Götter und "gesamtdeutsch". Muss ich hinzufügen. dass das für mich typisch völkisch-nationale Themen sind?

Soll ich daraus schließen, dass er meinen Roman nur in sein Programm aufgenommen hat, um ihn zu vernichten? Tatsächlich wurden mir, mutmaßlich aufgrund des Verlags, Lesungen in Frankfurts "besseren" Lokalen verwehrt. Denn der Roman ist so gut geschrieben wie irgendeiner, und das Thema ist auch heute noch aktuell:  der Weg eines Menschen, der von der Nazizeit direkt oder indirekt geprägt wurde und aus der Gefühlsstarre und der Sprachlosigkeit jener Epoche hinaus in eine Form von Selbst-Bewusstsein gelangt. Von Eigensinn. Einem Menschen, dem sich so die Welt als freundlicher Ort öffnet. Wo es Liebe UND Vielfalt gibt. Das übrigens alles in deutscher Sprache! Diese Völkischen wollen ja gerade die Sprache in ihrem Sinne festlegen. Für mich liegt in der Sprache mehr als irgendwo anders alle Möglichkeit zur Freiheit, zur Menschlichkeit und ebenso zum Eigensinn wie zum Gemeinschaftlichen.

Soll ich mich aufraffen und mich etwas anstrengen,  um meinen Roman neu unter die Leute zu bringen? Wie fragte Kant: "Was kann ich wissen? Was soll ich tun? Was darf ich hoffen?" und zuletzt: "Was ist der Mensch?" Auf die letzte Frage versucht die Literatur immer neu zu antworten. Auch "Kindertreu".

29. Juli: ERGÄNZUNGEN: Ich schaute in meinen Papieren nach und musste feststellen, dass ich schon 2016 meine Vertrag mit dem Verlag gekündigt und dass der Verleger mir  2017 mitgeteilt hatte, dass er seine "belletristische Abteilung" aufgibt. Warum hatte ich das vergessen? Ich bin also frei, mir einen neuen Verlag zu suchen. Ob das heute leichter sein wird als vor drei Jahren?

Frankfurt, den 15. Juli

Es kommt aus der Mode, "nein" zu sagen. Unter "Mode" verstehe ich auch die Gewohnheit, kein "Nein" zu erwarten und mit einem Solchen schlecht umgehen zu können. Am besten wäre doch, denken die meisten, man meint dasselbe wie sie. Wie die meisten eben. Als Mehrheit hat man gewonnen, das weiß man ja. Für viele bedeutet Mehrheit so viel wie Demokratie. Die Antidemokraten par excellence, die völkischen Rechten, behaupten sogar, wenn jemand ihre Ansichten ablehne und das öffentlich sage, dann würde der schon Zensur ausüben! Und Zensur ist doch im  Grundgesetz verboten! Und diejenigen, die zum Tragen der Gesichtsmasken "Nein" sagen, oder zum Impfschutz oder solchen Sachen, die doch dem Schutz vor tödlichen  Krankheiten dienen, die werden als Anhänger von Verschwörungen belächelt. Für denjenigen, der Ausgleich, Frieden und Schutz des Lebens sucht, aber auch die Freiheit zum Denken  braucht, ist das eine unbehagliche Situation. Wer möchte denn einem andern vorschreiben, wovor er Angst haben soll? Selbstverständlich würden alle, die sich für "Freiheit" und gegen Impfschutz aussprechen, die Unterstellung, Angst zu haben, weit von sich weisen.

Die Idee, dass man nicht genug "Nein" sagt, kam mir heute morgen, als ich mit einem steifen Hals aufwachte. Ich fand Bewegungen, die den Kopf relativ frei machten, und schließlich dachte ich: du hast nicht genug "Nein" gesagt. Schüttel mal ordentlich den Kopf  und denk dabei nein, nein, nein!, wie ein drejähriges Kind. In dem Alter entdeckt man das Neinsagen, nach und nach lernt man damit umzugehen. Es erweist sich als eine Machtfrage. Wer setzt sich durch? Dabei kommt Erziehung ins Spiel.

Wer "Nein" sagt, übernimmt Verantwortung. Da könnte jemand einwenden: "Mit einem 'Ja' etwa nicht?" Nein, denn mit dem Ja stimmst du zu, du überlässt die Verantwortung, zumindest einen Teil davon, dem Anderen. Ja, Herr Spahn (Bundes-Gesundheitsminister), machen Sie nur! Ich bin mit allem einverstanden. - Welch eine Umkehr, wenn ich an diese Republik denke, in die ich vor 30 Jahren zurückkehrte: damals war fast jeder, den ich traf, gegen den "Staat", damit meist auch gegen die "Regierung". Als kurz danach zum erstenmal wieder die SPD an die Regierung kam, hielt die Zustimmung nicht lang - Kanzler Schröder wurde von CDU-Medien systematisch gemobbt, und bei der eigenen Partei verdarb er sich sein Ansehen langfristig mit der "Hartz IV"-Erfindung. Und mit einer ihm eigenen Arroganz, füge ich hinzu ...

Wozu sage ich persönlich und energisch "Nein"? Zum Antisemitismus. Da stellt sich das Problem, dass dieser sehr unterschiedlich definiert wird. Zwar glaubt man derzeit in Deutschland amtlicherseits, die Ablehnung eindeutig festlegen zu können - damit bin ich nicht einverstanden. Aber das ist Politik,  aus dieser Politik  will ich mich heraushalten. Sie übersteigt meine Fähigkeiten. Mich interessiert der Antisemitismus, den es vor 1933 gab. Wieso war Auschwitz möglich, wieso entstand diese verbrecherische Wut gerade in Deutschland? Da dieses jahrhundertealte Ressentiment immer noch weiterlebt - und unter dem offiziellen Antisemitismuslabel unbehelligt bleibt - scheint mir die Frage umso wichtiger. Zunächst: Antisemitismen sind eine Fiktion; es sind erzählte Erfindungen, welche die Kirchen immer wieder ausstreuten. Damit ließen sich die Unzufriedenheiten im Volk, die immer wieder aufflammende Wut, von ihnen selbst ablenken. Schon nach den Kreuzzügen verbündete sich die Kirche mit den Kaufleuten - der Fernhandel lag bis dahin in jüdischer Hand, nun wollten die christlichen Händler ihn übernehmen, und die Kirche begann einen Konkurrenten in den jüdischen Gemeinden zu erkennen. Es gab im 13. Jahrhundert tatsächlich Wettkämpfe im Predigen, die häufig zugunsten der Juden ausgingen, welche damals noch missionierten, während die Christen ihr Gegenüber gleichfalls bekehren wollten. Die Juden, die den Christen in der Gelehrtheit ein paar Jahrhunderte voraus waren, konnten so nicht überwunden werden. Darum wurden sie erst in Frankreich, dann in anderen Ländern einfach verboten, mit Gewalt vertrieben. "Tod oder Taufe!". Nicht so im heiligen römischen Reich (ein anderer Name für das deutsche Reich). Hier stand zwar der Kaiser an oberster Stelle, war aber nie ein absoluter Herrscher, musste sich stets mit den Reichsfürsten einigen. Und der Kaiser musste obendrein mit dem Papst in Rom um die Macht ringen. So übernahm er den Schutz über alle Juden im Reich, die ihm dafür Steuern zahlten. Das gab ihm seinerseits eine Sicherheit.

Ende der Geschichtsstunde.

Die also von den Kirchen, nach ihnen vom Nationalismus gestreuten Vorurteile tauchen auch heute wieder auf. Deswegen müssten alle etwas über die Juden lernen, über ihre geistige Stellung, die gegenseitige Beeinflussung in kulturellen Dingen. Aber auch über die Modernisierung der Wirtschaft, die ihnen zu verdanken ist. Im 19. Jahrhundert habe deutsch-jüdische Denker und Schriftsteller nicht nur Philosphie und Literatur vorangebracht, sondern auch die Demokratie. Sie haben vorgemacht, wie die soziale Versorgung der Armen, Kranken, Waisen und Witwen nicht mehr den Kirchen überlassen werden muss, sondern säkularisiert werden kann: wie oft hatten die Kirchen ihre Einrichtungen durch Machtausübung missbraucht! (Ich kenne vor allem Frankfurter Erfahrungen, wo sich die soziale Fürsorge der Kirchen ohnehin sehr in Grenzen hielt.)

Das sind alles nur Andeutungen oder Hinweise; es würde viel Zeit brauchen, um es genau auszuführen. Meine Idee ist, dass sich deutsche jüdische und nichtjüdische Historiker zusammensetzen und für die Geschichtsbücher ein Narrativ entwickeln, in dem das Eigene und das Gemeinsame zusammengefügt wird und erkennbar wird, dass es  "deutsche Kultur" ohne das Denken jüdischer Nachbarn und Mitbewohner nicht gibt. Die deutschen Juden ihrerseits haben ebenfalls viel übernommen aus dem rheinischen, preußíschen und übrigen deutschsprachigem Bewusstsein, aus der deutschen Sprache.

Hier würde es um ein ganz neues Ja!-Sagen gehen.

 

 

 

 

Frankfurt, 29.Juni

Donner rolt durch geballte Wolken. Die Schieferdächer glänzen matt vom Regen. Die Wipfel der riesigen Bäume in den Nachbargärten bewegen sich behutsam. Kühle Luft fließt durch meine Balkontür. Wird das Gewitter kommen? Wird es einmal richtig regnen?

Gestern und vorgestern verbrachte ich die Tage und eine Nacht in Köln und Düsseldorf. Mein Bruder hatte Geburtstag. Es ging ihm diesen Winter nicht gut, er war gestürzt. Jetzt hat er sich wieder ein bisschen erholt. In unserm Alter - wir sind vor dem 2. Weltkrieg geboren - wissen wir nie, ob nicht ein Geburtstag der letzte sein wird. Immer schon waren Geburtstage die  Gelegenheit zu Familientreffen, außer während des Krieges und kurz danach. Die Familie spielte eine stützende Rolle, so einengend sie für die Entwicklung der  Kinder gleichzeitig war. Zur Familie gehörten die Großeltern (unsere letzten zwei Großeltern starben während des Krieges), alle Tanten und Onkel, Vettern und Kusinen. Einer half dem andern in der Not. Es entwickelte sich eine gewisse Verständigung zwischen uns, ein Ton, der zugleich vertraut und selbstverständlich war. Die Themen blieben weitgehend beschränkt, sind es meist bis heute. Einer weiß von vom andern, glaubt es zu wissen, worüber man reden kann. Nur mit meinen Brüdern kann ich auch über politische oder kulturelle Fragen diskutieren, über Gegenwart und Vergangenheit.

Ich bin damals gleich nach dem Abitur aus dem Hause gegangen, habe nach eigenem Kopf gelebt. Meine Ausbildung selber bestimmt, meinen Wohnort nach eigenen Bedürfnissen gewählt. Außerhalb von Deutschland. Und doch - es blieb immer ein Faden zu Eltern, Brüdern, Kusinen und Vettern. Jetzt leben noch drei Kusinen, zwei  Vettern, davon einer weiter aktiv in der Politik und bei der Betreuung seiner Enkel. Und meine drei Brüder. Jeder wohnt an einem andern Ort. Jeder hat viel aus seinem Leben zu erzählen, wenn sich die  Gelegenheit ergibt. Manchmal droht Demenz. Beim Geburtstag denken wir aneinander, schreiben manchmal oder telefonieren. Oder treffen uns.

Für meine Reise habe ich den Zug genommen, einen ICE. In Corona-Zeiten kommt das einem neuen Abenteuer gleich. Da ich nicht mehr gut gehe, erlaube ich mir, erster Klasse zu fahren. Dort blieb viel Platz frei. Doch in der zweiten Klasse drängten sich am Sonntag Nachmittag die Menschen. Durch Lautsprecher rief man sie auf, sich auf weitere Waggons "weiter hinten im Zug" zu verteilen. Einige kühne Leute, junge sportliche Männer, ein Ehepaar mit  drei kleinen Kindern, stießen bis ganz hinten, bis zur ersten Klasse vor. Doch dann kam eine freundliche Schaffnerin, kontrollierte die Fahrkarten  und komplimentierte sie alle hinaus, weiter nach vorn. Vor dem Aussteigen ging auch ich weiter vor, bis zur zweiten Klasse; dort achtete beim Aussteigen keiner mehr auf die Corona-Abstände, aber alle trugen Maske. Und die freundliche Schaffnerin stand da und reichte mir meinen Koffer nach.

Ich stieg am Flughafen aus, weil ich von dort einen städtischen Bus fast bis vor meine Haustüre nehmen kann. Am Flughafen findet man wunderbar saubere, moderne Toilletten, die nichts kosten. Doch sonst gibt es momentan nichts mehr: keinen Bäcker, keine  Zeitungen, auch eine Kaffeebar entdeckte ich nicht. Drüben bei den Bussen aber kündete das Licht in einer Pizzeria an, dass sie offen hatte. Ich spürte einen kleinen Hunger und stellte mich an. Vor mir standen vier junge Polizisten in ihrer Sommermontur, hellblaues Hemd, dunkle Hose und darüber vielerlei Geräte und Waffen. Jeder bestellte sich eine Pizza; der italienische Wirt scherzte vertraulich mit ihnen, das tat ihnen gut. Im Bus wurden die Abstände einigermaßen eingehalten. Als ein Koffer plötzlich davonrollte, hielt jemand ihn selbstverständlich auf. Ein junges schönes Ehepaar, das offensichtlich aus einem Sonnenurlaub zurückkehrte, gemoss ruhig die Erinnerung ebenso wie die gemeinsame Gegenwart. Vergleiche ich mit den Kriegszeiten, wo man ja auch sehr viel unterwegs war, so wird mir der Luxus bewusst, in dem ich, wir hier leben. Freilich, die Menschen in Flüchtlingslagern und in Fremdarbeiterunterkünften, denen geht es noch ungefähr so wie im Krieg.

Nun ist die Sonne herausgekommen. Wieder gibt es keinen richtigen Regen.

Frankfurt, 17. Juni

Hier übernehme ich, ausnahmsweise, einfach eine  Pressemitteilung des Börsenvereins. Sie betrifft den diesjährigen Preisträger für den "Friedenspreis des deutschen Buchhandels", der normalerweise in der stets gefüllten Paulskirche zur Zeit der Buchmesse vergeben wird. Dieses Jahr auch? Ja, aber vermutlich werdenl viele Plätze frei bleiben müssen. Die Verleihung kommt zeitgleich ins Fernsehen. Ich freu mich schon auf seine Rede.

 

Pressemitteilung des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels

AMARTYA SEN  erhält den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels 2020

Der Stiftungsrat des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels hat den indischen Wirtschaftswissenschaftler, Philosophen und Nobelpreisträger Amartya Sen zum diesjährigen Träger des Friedenspreises gewählt. Das gab heute Karin Schmidt-Friderichs bekannt, die als Vorsteherin des Börsenvereins zugleich Vorsitzende des Stiftungsrats ist.

In der Begründung des Stiftungsrats heißt es: „Wir ehren mit Amartya Sen einen Philosophen, der sich als Vordenker seit Jahrzehnten mit Fragen der globalen Gerechtigkeit auseinandersetzt und dessen Arbeiten zur Bekämpfung sozialer Ungleichheit in Bezug auf Bildung und Gesundheit heute so relevant sind wie nie zuvor. Gesellschaftlichen Wohlstand nicht allein am Wirtschaftswachstum zu messen, sondern immer auch an den Entwicklungsmöglichkeiten gerade für die Schwächsten, gehört dabei zu seinen wichtigsten Forderungen. Amartya Sen hebt Solidarität und Verhandlungsbereitschaft als essentielle demokratische Tugenden hervor und beweist, dass Kulturen keine Quelle des Streits um Identitäten sein müssen. In eindringlichen Darstellungen zeigt er, wie Armut, Hunger und Krankheit mit fehlenden freiheitlichen Strukturen zusammenhängen. Mit dem ,Human Development Index', dem ,Capabilities Approach‘ und den ,Missing Women‘ hat er früh Konzepte vorgelegt, die bis heute hohe Maßstäbe für die Ermöglichung, Gewährleistung und Bewertung gleicher Chancen und menschenwürdiger Lebensbedingungen setzen. Sein inspirierendes Werk ist Aufruf dazu, eine Kultur politischer Entscheidungen zu fördern, die von der Verantwortung für andere getragen ist und niemandem das Recht auf Mitsprache und Selbstbestimmung verwehrt.“

Amartya Kumar Sen wurde am 3. November 1933 in Shantiniketan in Indien geboren. Geprägt wurde sein Aufwachsen durch die Unabhängigkeitsbewegungen in Indien während der 1940er Jahre und die Auseinandersetzungen zwischen Hindus und Moslems, die ebenfalls in dieser Zeit stattfanden, sowie von der großen Hungersnot in Bengalen 1943.

 

Nach einem Studium der Wirtschaftswissenschaften am Presidency College in Kalkutta wurde er 1959 am Trinity College in Cambridge/England promoviert und widmete sich gleichzeitig dem Studium der Philosophie, was sich in einer Vielzahl seiner späteren Arbeiten niederschlägt: Problemstellungen der ökonomischen Theorie treffen auf Moralphilosophie und Ethik. Seit den 1960er Jahren lehrte Amartya Sen an zahlreichen Hochschulen, hierunter Delhi, Stanford, Berkeley, Oxford und Cambridge. Seit 2004 ist er als Professor an der Harvard Universität tätig.

Einer größeren Öffentlichkeit bekannt wurde Amartya Sen zunächst durch die Weiterentwicklung der Sozialwahltheorie und seine Analysen der Vereinbarkeit von grundlegenden gesellschaftlichen Entscheidungen und individuellen Rechten. Darüber hinaus setzt sich der Wirtschaftsphilosoph, zu dessen Forschungsthemen auch Public Health und Gender Studies gehören, unermüdlich für Demokratie, Freiheit und globale Gerechtigkeit ein. Er geht davon aus, dass sich die Qualität einer Wirtschaftsordnung weniger am Wachstum bemessen sollte, sondern diese vor allem von den Entwicklungsmöglichkeiten der Menschen abhängt sowie von ihrer Freiheit, ein selbstbestimmtes Leben zu führen. Mit seinem vielfältigen wissenschaftlichen Werk leistet er bedeutende Beiträge unter anderem zur Wohlfahrtsökonomie, Sozialwahltheorie, Entscheidungstheorie, zur Analyse von Hunger und Armut sowie zur Entwicklungsökonomie.

Für sein einflussreiches Wirken und seine in über 30 Sprachen übersetzten Bücher erhielt der Wirtschaftsphilosoph zahlreiche Auszeichnungen, darunter 1998 den Nobelpreis für Wirtschaft, sowie über 100 Ehrendoktortitel. Er lebt in Cambridge (Massachusetts) und ist seit 1991 mit der britischen Wirtschaftshistorikerin Emma Georgina Rothschild-Sen verheiratet, die ebenfalls an der Harvard University lehrt. Er ist Vater von vier Kindern.

Dem Stiftungsrat gehören Klaus Brinkbäumer, Prof. Dr. Raphael Gross, Dr. Moritz Helmstaedter, Dr. Nadja Kneissler, Prof. Dr. Karl-Josef Kuschel, Felicitas von Lovenberg, Prof. Dr. Ethel Matala de Mazza, Bascha Mika sowie Karin Schmidt-Friderichs an.

Die Verleihung des Friedenspreises findet am Sonntag, 18. Oktober 2020, unter den zu diesem Zeitpunkt geltenden Gesundheitsbestimmungen in der Frankfurter Paulskirche statt und wird live im Fernsehen übertragen. Der Friedenspreis wird seit 1950 vergeben und ist mit 25.000 Euro dotiert.

 

Weitere Informationen sind abrufbar unter www.friedenspreis-des-deutschen-buchhandels.de.

 

Frankfurt, den 25. Mai

Wie geht Frieden in Religionsfreiheit?

Eine Buchbesprechung

Der Philosoph Jürgen Habermas begleitete die Entwicklung der Bundesrepublik schon seit den 60er Jahren und fand immer wieder Konzepte, die neue Wege des Denkens und des Handelns eröffneten. Nun im hohen Alter hat er noch einmal die alten Bücher gewälzt und Ende 2019 ein Werk hervorgebracht, das er „Auch eine Geschichte der Philosophie“ nennt.  Es geht darin um die mehr als zwei Jahrtausende alte Auseinandersetzung zwischen Glauben und Wissen, die, anfangs gänzlich miteinander verschmolzen, sich heute nahezu völlig getrennt haben. Für „aufgeklärte“ Menschen ist an die Stelle des Glaubens die Vernunft getreten. Mit ihrer Hilfe soll sich der Mensch, so forderte der Philosoph Immanuel Kant vor 200 Jahren, aus „seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ befreien.

Dass sich solche Fragen heute nicht nur auf akademischer Ebene stellen, sondern auch im Alltag,  zeigen die hitzigen Debatten über den Islam, die von verschiedenen Seiten zu Gewalttaten aufrufen, zeigt der wieder zutage tretende Antisemitismus, zeigen fundamentalistische Bestrebungen in der ganzen Welt.

Mir begegneten Mitglieder des „Abrahamischen Forums“, das in Darmstadt seinen Sitz hat und ReferentInnen in die ganze Bundesrepublik vermittelt. Als RepräsentantInnen von Judentum, Christentum, Islam gehen sie in Schulklassen oder in die Erwachsenenbildung, um sich den dortigen  Fragen nach Religion und Ethik zu stellen. Dabei vertritt nicht nur der oder die Einzelne die eigene Religionslehre, sondern hat zuvor auch mit den andern über die des Andern diskutiert, so dass sie, alle drei zusammen, den jungen Menschen die Möglichkeit, die Wirklichkeit von gegenseitiger Achtung am lebenden Beispiel vorführen können. Miteinander leben in Frieden und Gerechtigkeit, danach streben sie alle.

Im AphorismA-Verlag, Berlin, ist kürzlich ein schmales Buch erschienen, das den Titel „Gemeinsam hören und suchen“ trägt. Es verdankt sich den Treffen des Abrahamischen Forums, mit der Besonderheit, dass es sich auf die dabei entstehenden, spezifisch jüdisch-muslimischen Begegnungen konzentriert. Die Herausgeberin Petra Kunik eröffnet ihr Vorwort mit dem hübschen Satz: „ Der Dialog zwischen Juden/Jüdinnen und Muslimen/Musliminnen scheint ein scheues Reh zu sein und schielt immer wieder nach christlichen Vermittlern. Juden und Muslime auf Augenhöhe im Dialog sind selten zu finden.“ In der Tat: Das Verhältnis zwischen Juden und Muslimen hat sich in den jüngsten Jahrzehnten immer  bedrohlicher entwickelt. Den Titel könnte man demnach als zwei Schritte umfassend verstehen: der  erste Schritt wäre: einander anhören, begreifen, worauf  es dem andern ankommt, was ihm wichtig ist. In einem zweiten  Schritt folgte dann  „suchen“: sich selbst ein Wissen vom andern aneignen, damit man weiß, wovon man redet. Zu diesem Suchen kann das Büchlein behilflich sein. Müsste sich nicht hier in der Bundesrepublik, auf quasi neutralem Boden, wo das Grundgesetz Religionsfreiheit gewährt und wo beide Gruppen als Minderheiten leben, eine neue, unbelastete Beziehung aufbauen lassen? Die vielleicht sogar als Vorbild dienen könnte? Und wo sich, wer weiß, ein dritter Schritt anbahnt, bei dem gemeinsame Grundlagen erarbeitet werden?

Das  Büchlein  ist in drei Hauptkapitel eingeteilt, die deutlich den Bezug zur Gegenwart herstellen: 

1. Was ist an den Religionen politisch?

2. Wo stehen die eigenen Gesetze der Religionen im Verhältnis zum Grundgesetz?

3. Welche Bedeutung hat Naturschutz im Judentum und im Islam?

Wenn  „das Private politisch ist und das Politische privat“, wie es zu „Sponti“-Zeiten hieß, so antwortet Petra Kunik auf die Frage, wie politisch die Religion sei, unter dem  Gesichtspunkt des Individuums, des Einzelnen, also gewissermaßen des Privaten. Sie schildert, wie die jüdischen Regeln und Vorbilder den Charakter und das Verhalten des Menschen anleiten und helfen, eine  Richtung zu finden, in der die Welt besser wird, gerechter und friedlicher.

Hilal Akdeniz formuliert ihre Frage von seiten des Islam etwas anders: sie spricht von „Dialog und Politik“, sogar von „Dialog in der Politik“.  Während  Petra Kunik die individuelle Verantwortung des Bürgers hervorhebt und das eigentlich „Politische“, das heißt die Machtfrage, die Machtkämpfe zwischen verschiedenen Kräften  im Volk, nicht im Rahmen von „Religion“ verhandelt, lässt Hilal Akdeniz diesen Unterschied zwischen einem Individuum und einer Religionsgemeinschaft im Unklaren. Sie spricht lieber von „kultureller und religiöser Vielfalt eines Landes“, sie spricht  von Gruppierungen, die mit „Deutschland“ in Dialog treten wollen, also mit der „Politik“. Diese, also „die Politik“, müsste, „als Voraussetzung“ zum Dialog, „gegen Rassismus und Diskriminierung“ eintreten.  Geht sie da nicht mit Siebenmeilenstiefeln voran? fragte ich mich.   

Verständlicher wurden mir diese Darstellungen im nächsten Kapitel: Sind jüdischer und muslimischer Glaube ‚Gesetzesreligionen’? wird dort gefragt. Petra Kunik beginnt mit einer Richtigstellung gegenüber der von Christen oft erhobenen Behauptung, wonach das Judentum  sich „nur“ an  „Gesetze“ halte. Was natürlich nicht stimmt,  wenn man die Behauptung in ihrer implizierten Herablassung betrachtet. Kunik übersetzt das Wort „Tora“ nicht mit „Gesetz“, sondern  mit „Anleitung zum richtigen Leben“; wörtlich würde es „Lehre“ heißen, schreibt sie. In der Tora finden wir die Geschichte der Menschheit von der Schöpfung bis zur Offenbarung im Sinai, wo Moses die zehn Gebote erhielt und Gott den Bund mit Israel schloss. Die Tora, in 52 Abschnitte aufgeteilt, wird über das Jahr hinweg in der Synagoge vorgelesen, jeder Abschnitt wird kommentiert, oft mit Bezug zu Ereignissen und Problemen der  Gegenwart. Es gibt aber, und hier zeigen sich Parallelen zum Islam,  außer der schriftlichen auch die „mündliche“ Tora.  Die schriftliche wie die mündliche Tora und die gesamten Jahrtausende alten Überlieferungen sind  im „Talmud“ gesammelt.

Darin steht auch etwas über die Diaspora, das heißt über ein Land, in dem die Mehrheit keine Juden sind. Juden, die dort wohnen, heißt es, sollen die Gesetze des Landes einhalten; der Prophet Jeremias sagte: „Baut Häuser, pflanzt Gärten, ... mehrt euch!  ..... Sucht das Wohl der Stadt!....  in ihrem Frieden wird euch Frieden sein.“ Schon seit Moses haben die Juden auch Gerichte in mehreren Instanzen. In Europa verfügen die jüdischen Gemeinden  über eine gemeindeeigene Gerichtsbarkeit, die sich heute freilich auf rein religiöse Bereiche beschränkt,  bis zum 19. Jahrhundert aber auch allgemein für einfache und innerjüdische Angelegenheiten zuständig war.

Fatana und Abdulqadir Schabel zitieren unter „Gesetz – muslimisch verstanden“ den Koran. Er ist, so schreiben sie, „die abschließende Offenbarung Gottes an alle Menschen“.  Mit den Auslegungen und Kommentaren aller „Propheten“ – zu denen außer Mohammad auch die biblischen Propheten und Jesus Christus gezählt werden -  ist der Koran schon das „Gesetz“, das für sie nun unmittelbar gilt. Die Frage nach einer  Auslegung für das Individuum, d.h. für den Einzelfall, stellt sich offenbar nicht. Aber in Bezug auf das Thema Diaspora schreiben sie: „Die meisten Gelehrten sind sich einig, dass, wer als Muslim/Muslima in der Diaspora lebt, sich als ‚religiöser Gast’  .... an die geltende Gesetzgebung halten muss.“ Dabei stellt sich dann oft heraus, dass Gesetze immer auch aktuell ausgelegt werden müssen, dass sie auf den Einzelfall anzuwenden sind, und von solchen Fragen sprechen die beiden nicht.

Mir als Außenstehender wurde in diesen  Unterschieden speziell im Rechtsdenken klarer, welche Schwierigkeiten manchmal hinter den öffentlichen Auseinandersetzungen stecken: Schwierigkeiten der Verständigung ebenso wie solche der Text-Auslegung.

Im dritten Kapitel geht es  um „Religion und Naturschutz“. Hier wenden sich beide Seiten dem „Baum“ zu; er findet offenbar in beider Überlieferungen vielfache Erwähnung. In der Tora stehen Bäume schon im Paradies; unter ihnen der „Baum der Erkenntnis“, von dessen Früchte zu essen den Menschen bekanntlich verboten war. Sie gehorchten nicht und mussten das Paradies verlassen. Doch auch die Erde hatte Bäume, und die Tora wie auch viele andere Überlieferungen beziehen sich immer wieder auf den Baum als Gleichnis: etwa für de Verwurzelung des Menschen in seinen Grundsätzen, mit dem Stamm für Standhaftigkeit, und mit dem Wipfel in den Wolken für eine Nähe zu Gott.  Aber auch für gottgegebene Fruchtbarkeit, die den Menschen Nahrung bietet.  Petra Kunik zeichnet eine fast ununterbrochene Linie durch die Jahrhunderte und Jahrtausende bis zum heutigen Natur- und Klimaschutz, der sogar bei orthodoxem Juden angekommen ist.

Für die Muslime berichten Senay Altintas und nach ihr Hilal Akdeniz, wie vielfach der Baum in den Heiligen Schriften des Islam erwähnt wird, wobei im Arabischen für Baum und Pflanze das selbe Wort Verwendung findet, also die gesamte Flora umfasst. Allein im Koran 26 mal!  Wichtige Ereignisse fanden unter einem Baum statt, der dadurch auch symbolischen Wert erhielt; selbst kurz vor dem Weltuntergang solle man noch Bäume pflanzen, wenn gerade Setzlinge zur Hand seien. Das Pflanzen von Bäumen galt und gilt als „Gute Tat“, die den Menschen überdauert, und die ihm im Jenseits angerechnet wird. Gerade heute könnten sich auch jugendliche Muslime in die Notwendigkeiten des Natur-und Klimaschutzes gut hineindenken, liest man, und es wird bedauert, dass junge Muslime in der Bundesrepublik bislang nicht genügend in den Kampf ums Klima einbezogen werden.

Aber eben dazu müssen die Verständigungswege allgemein verbessert werden. Daran arbeitet das Büchlein.  Alle streben nach Frieden und Gerechtigkeit. Um beides zu erreichen, braucht man politisches Handeln.  Eine Voraussetzung dafür ist Verständnis für politisches Handeln, was ist damit gemeint, wie funktioniert es. Es braucht ebenso viel Selbstbewusstsein wie Bescheidenheit.  In Deutschland ist seine rechtliche Grundlage für alle das Grundgesetz.

Ich komme auf Habermas zurück. Von der abendländischen Philosophie ausgehend,  weist er einen anderen, nicht so neuen Ausweg: den Weg der Vernunft. Die Wege der Vernunft bieten Entdeckungen, neue Aussichten. Mit ihrer  Hilfe könnten „Glauben“ und „Wissen“ sich an vielen Stellen organisch verbinden – ähnlich wie die  Autoren unseres Büchleins das beim Naturschutz schon in Anschauung bringen. Dieses richtet sich an Christen und an alle Bürger, denen das Ziel von Frieden und  Gerechtigkeit am Herzen liegt.

Ein kleiner Schatten fällt auf das Werk, weil offenbar vom Verlag das Korrekturlesen versäumt wurde. So stören zahlreiche Orthografie-, Zeichensetzungs-  und Grammatikfehler den Fluss der Lektüre. Doch was im Buch steht, ist zu wichtig, als dass man sich deswegen aufhalten lassen sollte.

 

 

- „Gemeinsam hören und suchen: Jüdisch-Muslimische Begegnungen“, Herausgeberin Petra Kunik;  AphorismA Verlag Berlin, 2020

- „Auch eine Geschichte der Philosophie“ von Jürgen Habermas; Suhrkamp-Verlag; 2019

Frankfurt, den 24. Mai

 

Hinter der Mundmütze

 

In diesen Zeiten

Gibt es Zeit.

Corona öffnet

Den Nachdenkschrank.

 

Wer von Abstand spricht

Denkt an Nähe.

Wer von Nähe träumt

Lebt im Abstand.

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Ach. Reden?

Ja. Nein.

Reden reicht nicht.

Ich will mehr.

 

Was fehlt Dir?

Antwort.

Gegenrede und Rede.

Einfach: Gespräch.

 

Ja, das Reden

Tut not.

Was aber  bliebe davon

Ohne ein Zuhör’n?

 

 

Aus Antwort, Frage

Und Rede

Entsteht etwas

Nie Dagewesenes.

 

Reden bedeutet

Einsatz,

mögliche Initialzündung

zum  Lebendigen.

 

 

 

Frankfurt, 14. Mai

Der freie Wille

Derzeit nehme ich an einem "Webinar" über das jüngste Werk von Jürgen Habermas teil, sehr aufregend. Nicht nur von der technischen Seite her, auch inhaltlich.  Habermas fragt in "Auch eine Geschichte der Philosophie" nach den Möglichkeiten der Vernunft, des vernünftigen Denkens in der Gegenwart. Er fragt aus soziologischer Sicht, er befragt die Philosophie, was sie für Werkzeuge bietet, damit Frieden in der Gesellschaft geschaffen und erhalten werden kann. Jeder Mensch hat das Recht auf freien Willlen, doch endet die Freiheit des Einzelnen dort, wo die Freiheit des Nachbarn, des Anderen, beginnt. An diesem Punkt entstehen Konflikte. Gesetze sind dafür da, die Konflikte in der Gesellschaft zu lösen. Gesetze stützen sich u.a. auf philosophische Erkenntnisse, etwa auf die von Immanuel Kant. Diese Erkenntnissse sind seit 200 Jahren weiterentwickelt worden, und Habermas arbeitet ebenfalls daran.

Das Webinar wird von der katholischen Akademie in Frankfurt angeboten und durchgeführt; es ist wunderbar klar, verständlich und anregend. Beim ersten Mal bin ich mit den technischen Anforderungen nicht zurecht gekommen und habe den Vortrag verpasst. Uns war aber vorab ein Text zugesandt worden, auf den der Vortrag sich bezieht. So konnte ich beim zweiten Mal sehr gut mitkommen.

Der Vortragende führte immer mal wieder praktische Beispiele ein, eigene Verständnishilfen, die sehr wirksam waren. Nur ein Beispiel irritierte mich: als Konflikt wurde die deutsche Gesetzgebung über den Schwangerschaftsabbruch genannt, der normalerweise verboten ist, aber innerhalb einer Frist und nach einer offiziellen Beratung  der Frau als "straffreie Ausnahme" zugelassen wird. Ziemlich ausführlich referierte der Vortragende darüber. Anfangs hatte die Kirche ihre Zustimmung gegeben; doch nach einem halben Jahr etwa besann sie sich und nahm ihre Zustimmung zurück. Das änderte zwar nichts mehr an der gesetzlichen Lage; dennoch wiederholte der Vortragende mehrmals den Standpunkt der Kriche - als die wahre und einzige Achtung der Grundrechte beider Parteien. Denn das muss beachtet werden bei den oben genannten Konflikten; beide haben Grundrechte, und nun muss nach Verständigung gesucht werden.

Auf welches Grundrecht berufen sich ungewünscht Schwangere, wenn sie abtreiben wollen? Auf die Selbstbestimmung über ihren Körper. Auf welches Grundrecht beruft sich die Kirche im Namen des Embryos? Auf das Recht  des werdenden Menschleins auf Leben, das, und das füge ich selbst hinzu, nur in diesem einen Bauch zum richtigen Leben heranwachsen kann. Inzwischen werden Ärztinnen und Ärzte  kirchlicherseits so unter Druck gesetzt, dass es immer weniger Ärzte gibt, die zu dem Abbruch  bereit sind, und wenn, dann werden ihnen ständig zusätzliche Hindernisse in den Weg gelegt. Vor allem aber: unter den Armen in der Republik befinden sich in großer Zahl alleinstehende Mütter. Die Anstrengungen der Schwangerschaft, die der werdenden Mutter enorme Mengen von Stoffen aus dem eigenen Körper entzieht ("jedes Kind kostet einen Zahn"), die Kinderpflege Tag und Nacht wird höchstens ein halbes Jahr als "Arbeit" angesehen, falls Frau einen festen Arbeitsplatz hat und eine gute Versicherung. Danach gibts nur noch die Nothilfe von Hartz IV, die jedes Sparen verbietet, mit der alle Verdienst- und Lebenschancen auf Jahre hinaus, meist für immer, verbaut werden. Dieser Zustand gilt nur für Frauen. Wo bleiben da die Grundrechte??

Im Vortrag war geschlechtsfrei von "Subjekten" die Rede. Kein Unterschied zwischen Mann und Frau - einfach Mensch. Und nur Frauen, zusammen mit ihrem ungeliebten Kind, sollen ihre Grundrechte verlieren, ihr Leben lang diskriminiert und verachtet werden? Das Kind von einer früh zur Erwerbsarbeit gezwungenen Mutter notgedrungen sein Leben mit weniger Chancen starten?

Ich fand in meinem Speicher einen Text von 2019, der hier wunderbar hineinpasst:

Sex im Paradies

Ist es dringend, sich Gedanken über die Genesis zu machen? Ja, wenn es um die Stellung der Frauen in der Welt geht. Nach dem Sündenfall.

Kürzlich entdeckte ich einen wunderbaren Aufsatz von Anne Enright in einer älteren "London Review of Books". Ich zitiere nur kleine Ausschnitte oder Hinweise:

Aus  „The Genesis of Blame“ von Anne Enright, in LRB vom 8. März  2018,  was soviel wie „Der Ursprung des Tadels“ oder der Schuldzuweisung heißt.

Dreiseitig, handelt der Text von der sprachlichen und übersetzerischen Seite der Genesis, wo z.B. „nackt“ auf hebräisch „erom“ hieß. Enright erklärt: „'erom' is used to describe a state of being stripped or vulnerable, and is without sexual connotation.“

Auszug:

„Augustine’s attempt ... to imagine what it might be like to have prelapsarian sex (Sex vor dem Sündenfall)  is like taken hunger out of our experience of food. According to him, sex in the garden (Paradies) was entirely voluntary and Adams erection was an action as deliberate as lifting a hand. This was an odd theory and nice in its way. The presense of a baculum or penis bone makes it a reality in some animal species, and the Daily Mail got a bit shouty a few years ago when a rabbi suggested it was this bone that was taken out of Adam, and not an extra rib. (Old fake news!)"

Im Christentum, besonders im römisch-katholischen, gilt die unkontrollierbare oder unerwünschte sexuelle Erregung, speziell bei Männern, als Beweis für die Erbsünde. Enright beschreibt, wie dieses Sündendenken im Lauf der Geschichte seit Augustin die Politik bestimmte, Gesetze und Rechtsordnungen schuf und meistens den Frauen  Schuld und Verantwortung für alles Negative zuwies, das sich (aus Sicht der Männer) durch das Sexuelle ergab. Auch und besonders Kinder.....

Enright widmet sich der historischen Entwicklung, die sich über die Jahrhunderte aus der Sündenfallgeschichte ergeben hat. Im Grunde, sagt sie, geht es um den freien Willen - nämlich von Frauen. Sie ist selbst, als Irin, streng katholisch  erzogen worden und kennt sich aus.

 

Frankfurt, 8. Mai

Der achte Mai,

ein unvergessliches Datum. Und weil das nun 75 Jahre her ist, und weil derzeit überall daran erinnert wird, habe ich mich, im Anblick des mittäglichen Sonnenscheins, in unsere Stimmung von damals zu versetzen versucht. Wir, das waren meine Mutter und ihre vier Kinder, von denen ich mit zehn Jahren das älteste war. Wir befanden uns in einem Dorf im Sudetengau, wohin wir vor den Bomben in Dortmund geflüchtet waren.  Wir lebten recht gut in einer Zweizimmerwohnung im 2. Stock eines ehemaligen (fürstlichen) Kornspeichers, ohne Wasserleitung, aber mit Strom, das Plumpsklo im Treppenhaus. Das Wasser holten wir täglich von einer Quelle vor dem Dorf.  Wunderbares reines Wasser!

Wie ich jetzt herausgefunden habe, war es ein Dienstag. In die Schule gingen wir schon lange nicht mehr. An diesem Tag hockten wir alle fünf zuhause, vielleicht schaute der eine oder andere aus dem breiten Fenster auf die bis zum Horizont reichende Ebene hinab. Vorn, am Anfang der Ebene, zog sich die Landstraße entlang, die wir so gut kannten. Abgestellte Wehrmachtsautos reihten sich endlos am Straßenrand auf. Ohne Benzin, hatten die Soldaten alles stehen und liegen gelassen und waren zu Fuß auf und davon. Wir hatten die Auros inspiziert, ich hatte einen Zirkel "gefunden" und mitgenommen. Hab ich ihn nicht heute hoch?  Meine Mutter saß ganz dicht am Radio, um zu hören was geschieht.

Admiral Dönitz hat die Kapitulation unterschrieben, sagte sie uns, er ist jetzt – wie formulierte meine Mutter das? – unser „Reichskanzler“? Oder doch „unser Führer“?  Nein, ich glaube, er war auch in diesem Moment nur sein "Stellvertreter". Der Führer war seit einer Woche tot, doch wussten wir das? Oder glaubten wir es? Ich denke, wir wollten es nicht glauben, wir konnten nicht.  Die Welt war wie erstarrt. Angst hatte ich keine. Wahrscheinlich gab es in meiner Vorstellung  keine Angst. Vom Gänserich (der Kinder gern angriff) hielt ich mich fern, das war Vorsicht. Vorsicht war erlaubt. Doch Angst? Nein, sie wäre bloß als Feigheit ausgelegt worden.

Was habe ich nicht alles seit jenem Tag gelernt! Dass solches Lernen möglich gewesen  ist, dass ich diese Chancen zum Lernen bekommen habe, dafür bin ich dankbar. Dafür bin ich all denen dankbar, die dazu beigetragen haben. Was kann ich tun? Weitergeben, was ich gelernt habe; vor allem aber, die Bereitschaft zum Lernen wecken.

Das gelingt heutzutage nicht immer.  Manch einer, manch eine, glaubt schon alles zu wissen  und möchte vor allem: recht haben.

Auch das lehrt mich der achte Mai: recht haben genügt nicht. Es gilt auch, den Andern zu achten. Beides zusammen erst ermöglicht den Frieden in der Welt. Ein schwieriger Weg, ich gebe es zu.

 

 

 

Frankfurt, den 2. Mai

Gestern schickte mir ein guter Freund den Link zu einer Deutschlandfunk-Sendung von Ende April, in der eine Rede wiedergegeben wurde, die der israelische Schriftsteller Amos Oz  2018 vor dem evangelischen Kirchentag in Deutschland gehalten hatte, offenbar mit viel Applaus zwischendurch. In der Rede befasste Oz sich mit Jesus, "einem bedeutenden Jude", und mit Judas. Er fand es gar nicht einleuchtend, was Judas in der christlichen Überlieferung nachgesagt werde: um Jesus an die römische Obrigkeit zu verraten, habe er ihn geküsst und dafür 30 Silberlinge erhalten! Oz meinte: Jesus war doch in Jerusalem dermaßen bekannt, dass niemand ihn "verraten" musste. Er versteckte sich ja auch nicht. Und im übrigen hätte Judas, als reicher Mann, der er war, keine 30 Silberlinge nötig gehabt. Sodann fragte Amos Oz sich, welche Rolle Judas wohl in Wirklichkeit bei Jesus gespielt haben könnte. Als sein Verehrer und sein Anhänger war er zutiefst von seiner Größe überzeugt und tat alles, um seine Verkündungen zu fördern und seinen Ruhm zu mehren. Nach den vielen Wundern, die er selber miterlebt hatte, schien es ihm selbstverständlich, dass Jesus auch eine Kreuzigung unversehrt überleben werde - und dieser Beweis, so nahm er an, würde Jesus Stellung im Volk endgültig befestigen. Erzählt Amos Oz. Doch ging dies leider schief. -  Sein christliches Pubikum klatschte begeistert. Amos Oz wies noch drauf hin, dass in der christlichen Tradition der Name Judas bis heute als ein Synonym für Verräter gilt, und zwischen "Judas" und "Jude" werde dann kein Unterschied mehr gemacht.

Diese Geschichte zeigte mir wieder, welchen Reichtum Interpretationen in die Welt tragen. Mit Vernunft und Menschenkenntnis lassen sich viele Möglichkeiten des Handelns eröffnen, nur aus den Gegebenheiten heraus. Möglichkeiten der Verständigung, des Verständnisses, zur Entstehung von Wohlwollen und Offenheit vonMenschzu Mensch.

Ich bin dem Freund sehr dankbar......

 

 

Frankfurt, den 1. Mai

Es regnet! Es hat in der Nacht geregnet, und es regnet noch am hellichten Tag! Ich kann sehen, wie sich die Tropfen in den Kringeln auf den riesigen  Pfützen spiegeln. Mir fällt der Bauernspruch ein: Mai kühl und nass füllt dem Bauern Scheun und Fass. Im Garten ducken sich die Pflanzen und Blätter unter dem Ansturm, denn immer wieder frischt auch ein Wind auf. Kündigt sich so der Mai an, oder macht uns das Wetter bloß eine lange Nase? Der April war ja größtenteils Frühling und Sommer in einem, mit makellosem blauen Himmel und öfters einem Ostwind, der machte, dass man die Jacken anbehielt. So erblühten die Bäume, Sträucher und Blumen vorsichtig und langsam. Es war sehr schön anzusehen. Besonders den Anblick der Kameliensträucher genieße ich jedes Jahr - sie stehen freundlicherweise in den Vorgärten mancher alten Etagenhäuser in der Oppenheimer Landstraße. Das sind Häuser von vor 120, 130  Jahren, als Frankfurt gigantisch wuchs. Sie haben fast alle den 2. Weltkrieg heil überstanden. Kamelien erinnern entfernt an Rosen, gleichen ihnen farblich, aber sammeln sich in viel größerer Dichte, zeigen sich mit einer körperlichen Intensität, in der ihnen keine andere Blume gleichkommt, und prunken dabei durch Eleganz und Schönheit .....

Ach, da tritt doch wahrhaftig die Sonne hervor! Ist's schon vorbei mit dem nassen Segen?

Bleiben wir geduldig. Ist das nicht die Lehre, die alle aus Corona ziehen, ziehen müssen? Und was die Mehrheit offenbar auch schafft?

Ein paar Stunden später:

Entschuldigung, es kam mir ein Anruf dazwischen. Und in diesen Zeiten des Alleinseins haben Anrufe absoluten Vorrang. Es wurde ein langes, intensives Gespräch....

Ich leide nicht unter Einsamkeit, auch wenn ich mir manchmal mehr Gesellschaft wünsche. Der Zwang zum Alleinsein mahnt einen doch auch - von Zeit zu Zeit zumindest - selbst etwas zu finden, das dem Leben einen Sinn schenkt. Mir scheint, dass ich mit meinem Thema "Die gemeinsame deutschjüdische Geschichte" einen solchen Sinn, je ein Ziel gefunden habe. Klagen nicht alle über "Antisemitismus"? Und weiß nur einer, was das ist? Ja, es gibt eine öffentlich vielerorts anerkannte Definition, die aber allein den Zweck hat, den israelischen Staat zu schützen. Das ist ein wichtiges Ziel, und sie sind viele, die sich darum bemühen.

Mir aber scheint, dass die überlieferte und viele Jahrhunderte alte Furcht vor Juden, ihre Dämonisierung, die gar keiner rationalen Prüfung standhalten kann und  könnte, hinter diesem modernen "Antisemitismus" steht, und darum zuerst angegangen werden sollte. Das erweist sich als eine Sysiphusarbeit. Viele, allzu viele Menschen wollen gar keine rationale Prüfung dieser Frage. Allzu tief ist sie in früheste Kindheitserinnerungen verwoben, als verfügbares Angstbild in die Charaktere eingepflanzt. Verfügbar immer dann, wenn stattdessen kluge und nüchterne Selbstkritik notwendig wäre. Wenn Wissen und Lernen gefordert wäre, um etwas zu erkennen. Also eine Anstrengung, zu der einen niemand zwingen kann und zu der die meisten nicht bereit sind. Die auch in den Schulen nicht gelehrt wird.

Huch, was scheibe ich da?  Ist es nicht gefährlich, so was öffentlich zu sagen? Habe ich mich jetzt hinreißen lassen, etwas, weil ich es denke, einfach nieder zu schreiben? Weil es draußen so wunderbar still ist, weil das Alleinsein einen irgendwie reinigen und damit scheinbar radikaler machen kann? Wär das alles nur die Schuld von Corona?

Ich will das an diesem ersten Mai offen stehen lassen und für heute die Schreibmaschine schließen ....

Schönen Feiertag noch!

 

 

Frankfurt, den 28. April

Von Nanosilber zu Tafelsilber und  zurück

Gestern war ich mal wieder im Supermarkt (höchstens einmal die Woche!) und dort hatte man Zettel an die Glaswände geklebt, die für „Gesichtsmasken mit Nanosilber“ warben. Zwei Stück für 12,50 €, mehrmals waschbar. Ich ließ sie mir von der Kassiererin zeigen – sie holte sie unter der Kassentheke hervor. Sie sahen nicht besonders aus, nur weiß und nach vorn spitz zulaufend, in Folie eingepackt.  Ich dankte und erklärte, ich wolle erst „Nanosilber“ nachschauen. Im  Internet las ich beim „BUND für Naturschutz“: Silber tritt eigentlich immer in chemischen Verbindungen auf, die sich erheblich unterscheiden können. „Nano“ bedeutet sehr klein – etwa „ein Tausendstel von einem Haar“. In dieser Form wird es neuerdings in den verschiedensten Produkten verarbeitet  Das können Zahnbürsten und Kosmetik, Plastik oder  Lacke sein, die Anwendungen weiten sich aus. Der BUND beanstandet das, weil die Auswirkungen dieses Silberstoffes nicht bekannt seien.

Die Substanz wird nur wegen einer Eigenschaft bevorzugt: sie ist keimtötend. Vornehm ausgedrückt: biozid.  Ihre Nebenwirkungen sind so gut wie nicht untersucht.  Bei den bisherigen Untersuchungen wird nicht einmal unterschieden zwischen dieser allerkleinsten Form der Nanotechnologie und anderen Silberverwendungen in größerer Gestalt. Nanoteilchen schleichen sich aber nicht nur in die Organe, sondern auch in die Körperzellen ein.

Das Wort „Silber“ weckte bei mir Kaskaden von Assoziationen. Meine Mutter brachte einen Satz von Silberbestecken mit in die Ehe - wahrscheinlich hatte sie diese Aussteuer mit selbstverdientem Geld  angeschafft („statt Aussteuer lernst Du einen Beruf!“ hatten die Eltern gesagt).Ich erinnere mich, dass sie zwölf von jedem dieser Silberteile besaß: große und kleine Gabeln, große und kleine Messer,  Suppen- und Kaffeelöffel, dazu Zuckerzange, Tortenheber, Kuchengabeln u.a.. Diese Bestecke mussten in der Küche und im Esszimmer gesondert und behutsam behandelt werden: damit sie nicht verkratzt wurden, damit sie möglichst wenig anliefen, d.h. dunkel wurden. Oxidierten. Dann musste man sie mit einem speziellen Mittel wieder blank putzen. Wegen dieser Umstände wollten jüngere Frauen - meine Schwägerinnen, meine Töchter – nichts mehr von Silberbestecken wissen. Ich aber erbte schon mit zehn, elf Jahren die Silberbestecke meiner Patentante, und ich hütete sie als einen Schatz. Bei meiner Hochzeit erweiterte ich ihn. Heute besitze ich mindestens 12 von jeder Sorte, allerdings in verschiedenen Mustern, was mir aber besonders  gefällt.

Da meine Mutter während des Krieges mit der ganzen Wohnungseinrichtung vor Bombenangriffen in den Sudentengau geflüchtet war, und wir bei Kriegsende sofort abreisen mussten, blieb die Wohnungseinrichtung im Osten. Nur von ihrem Silber versteckte meine Mutter sechs Stück von jeder Sorte in den drei, vier Koffern, die wir mitnahmen.  Obwohl wir unterwegs mehrmals oberflächlich geplündert wurden, brachten wir das Silber wieder mit nach Hause  – außer den Messern, die meine Mutter nicht versteckt hatte, damit man sich nicht unversehens in den Finger schneide. 

So kann ich behaupten, dass ich mein Lebtag von silbernen Löffeln gegessen habe. Auch heute, wo ich mir nicht mehr feierlich den Tisch decke, sondern mir mein Essen auf einen Teller gebe und mich damit irgendwohin setze,  nehme ich eine silberne Gabel oder einen silbernen Löffel dazu.  Warum? habe ich mich gefragt. Ich weiß nicht, aber es schmeckt mir  besser. Jetzt weiß ich: außerdem ist Silber keimtötend. In der Großform von Essbestecken sicher nicht so direkt wie als „Nanosilber“, aber dafür vielleicht mit weniger Nebenwirkungen. Behutsamer. Tatsächlich sind meine drei Geschwister und ich, jetzt alle in die Achtzig, erstaunlich gesund geblieben.  Naja, nicht abergläubisch werden.

Wenn auch die Tradition der Silberbestecke gewiss eine bourgeoise Tradition ist, so muss man sie deswegen doch nicht verachten, scheint mir. Und vielleicht lohnt es sich sogar, die Bestecke stets in hellem Glanz zu halten? Die dunkle Oxidierung weist ja auf Veränderungen der Oberfläche hin, die uns möglicherweise schaden – allzu viele Keime abtötende Moleküle, die kein reines 800er Silber mehr sind. Wie gesagt: Silber kommt nur in Legierungen oder als chemische Verbindung vor.  

Ich setz mir jedenfalls vorläufig keine Gesichtsmaske mit Nanosilber auf.

 

Frankfurt, 26. April

Unterschiede zwischen Männern und Frauen nach Edgar Reitz

Am liebsten würde ich einen Leserbrief an die „taz“, meine Tageszeitung,  schreiben. Doch der würde zu lang. Also versuch ich hier einen ersten Wurf und schaue danach, ob sich was kürzen lässt.

1981 kam in Deutschland ein Film heraus, der „Heimat“ hieß und der von allen Seiten hoch gelobt wurde. Der Regisseur und Autor des Films hieß Edgar Reitz; er ist zwei Jahre älter als ich. Wir sind dieselbe Generation.

Ich wohnte damals in Luxemburg, und ich war seit 1955 praktisch aus der deutschen Umgebung ausgewandert, d.h. ich lebte erst im Saarland, wo die Geschichte eine etwas andere war, und dann in Luxemburg, wo sie ganz anders war. Als ich den Film zum ersten Mal sah, hatte ich schon viel von seinem Ruhm gehört und war sehr neugierig: er gebe, so hieß es, auf neue und unvergleichbare Weise die Wirklichkeit zur Zeit der Nazis wieder. Die Wirklichkeit des Alltags. Nun, die hatte ich auch erlebt, war zehn Jahre alt bei Kriegsende. Da hat man klare Erinnerungen.  Doch in dem Film stimmte nach meinem Empfinden gar nichts. Es klang nichts an, es entsprach überhaupt nichts dem, was in meinem Gedächtnis gespeichert war. Durch meinen langen Aufenthalt außerhalb Deutschlands hatte ich gelernt, mir einen eigenen Standpunkt als Deutsche zu entwickeln. Wenn ich deswegen den Film intuitiv als nicht stimmig – als nicht wahr? – einordnen konnte, so wusste ich nie, wie ich das erklären sollte. All die im Film erwähnten Umstände entsprachen doch den Tatsachen.

Vorgestern erschien in der taz ein Interview mit Edgar Reitz, fast eine Seite lang, mit einem schönen Porträt.  Die letzte Frage der Interviewerin Jenni Zylka  hieß: „Kann man dann als Mann überhaupt Frauenfiguren schreiben, wenn man nie als Frau durch die Welt gegangen ist?“

Reitz erwidert: „Oh ja. Der Unterschied zwischen Frauen und Männern wird kulturell hochgespielt. Viele Frauenfiguren in meinen Filmen sind insgeheim Porträts von Männern, die habe ich sozusagen einer Geschlechtsumwandlung unterzogen, weil ich erzählen wollte: Das ist ein Mensch, egal ob Frau oder Mann. Diese Frauenfiguren würde eine Regisseurin auch nicht anders erzählen.“

Ja, warum sollte sie auch? Eine durch Geschlechtsumwandlung entstandene Frau behält doch immer Eigenheiten: sei es die männliche Stimme, sei es ihre kraftvolle Körpersprache, die sie als Junge unter Jungen in ihrer Jugend gelernt hat. Warum sollte eine Regisseurin das nicht in ihre Figur mit einbeziehen?

Aber darum geht es Reitz nicht, und der Interviewerin wahrscheinlich auch nicht. Mir aber klärte sich auf einmal der Grund, oder vielleicht nur ein Grund dafür, warum der Film nicht stimmen konnte. Wenn es unter den Nazis eine Idee gab, die alles Übrige prägte, dann war das die Unterscheidung von männlich und weiblich, von Mann und Weib.  Die Frau sollte zur „Mutter“ erzogen werden, die  ihrerseits wieder „richtige“ Männer groß werden ließ. Denn eben das warfen sie der Weimarer Republik vor: dass es dort nur noch „verweichlichte“ Männer gab, geben durfte.

Zeigt Reitz was davon? Grad hab ich mir noch mal den Anfang von „Heimat“ angeschaut: wie „der Paul“, d.h. ein Protagonist, eines Tages fortgeht – so rührenden Blickes, in so reiner Jugendschönheit, dass es einem schier das Herz bricht. In diesem Anfang werden alle  Mitspieler  anhand von alten Fotos vorgestellt, und sie könnten dann auch einfach die Protagonisten eines kitschigen Bauernromans werden. Die begleitende  Offstimme  aber klingt  so klagend, dass man sofort weiß , nein, dies ist ernst gemeint. Vorn herein ist klar: das wird nicht gut ausgehen.

Der Film fängt 1919 an, und das war für die meisten Deutschen ein furchtbares Jahr. Gerade waren alle Gewissheiten zusammengebrochen, auf denen sie ihr Leben gebaut hatten: Kaiser abgedankt, Republik ausgerufen., Bürgerkrieg  an vielen Orten im Reich ausgebrochen.  Warum sehen die Leute auf den Fotos so unschuldig und heiter aus? Nun, so will es der Regisseur: weil sie nicht wissen, was die Zukunft bringt. Aber er weiß es......

Dass Männer einem Beruf nachgehen und Frauen Kinder kriegen, sich um den Haushalt kümmern, kürzer eine Schule besuchen als die Jungen,  das war im Hunsrück zu jener Zeit gewiss noch der Standard.  Dass sie dennoch und immer schon eine eigenen Kultur entwickelten, Wissen weitergaben, von dem die Männer nichts wussten, oder das sie verachteten, hätte ein Regisseur 1981 schon in Erfahrung bringen können. Dass Frauen anders reagieren, andere körperliche Erfahrungen machen als Männer (z.B. durch Schwangerschaft), durch die Kirche (man war katholisch) ebenso wie durch amtliche Verfügungen nachhaltig diskriminiert wurden, auch. Wenn Reitz das jetzt alles als  „von Kultur hochgespielt“ abtut,  so verfälscht er nicht nur die Wirklichkeit, sondern auch die Geschichte.  Man kann die Nazi-Ideologie nicht als „von der  Kultur hochgespielt“ geringschätzen, wenn man eine Geschichte erzählen will, in der gerade diese „Kultur“ alle Entscheidungen bestimmte, die die Lebenden entweder selber  trafen oder denen sie ausgeliefert waren.

Meines Erachtens darf man also die wilde, heute geradezu verzweifelt wirkende Begeisterung der Männer  - und auch vieler Frauen - jener Zeit  für das Männliche, das Heldenhafte, für die Verherrlichung von Stärke und Überlegenheit, nicht ignorieren. 

Mir geht es um Geschichtsschreibung. Meine Frage ist seit Jahren: wie war Auschwitz möglich? Die rauschhafte Nazibegeisterung, der ein weiter Teil der deutschen, ja, auch Teile anderer europäischer Bevölkerungen verfielen, war echt – aber sie fußte auf Illusionen und Selbstbetrug, auf Wut und Neid, auf mangelnder Bildung, gerade auch der Frauen.  Unter Anderm auch auf den Unkenntnissen in bezug auf Sexualität.

Ich räume ein: wie man all das auf allgemein verständliche Weise in einem Film unterbringen kann, der auf meine Frage: ‚wie war Ausschwitz möglich’ antwortet, das weiß ich auch nicht. Ich bin nur froh, dass ich verstehe, warum mir Reitz’ Film als eine stimmige künstlerische Definition nicht passt und nicht ausreicht. 

 

Am 28.4. ergänzt:

tatsächlich habe ich vorgestern noch einen "kurzen" Leserbrief abgeschickt:

"Leserbrief

Betr. taz 23.04.2020, S. 15: Interview mit Edgar Reitz

Herr Reitz meint, dass die Unterschiede zwischen Mann und Frau nur von der „Kultur hochgespielt“ würden.  In mancher Hinsicht kann das zutreffend sein.

Doch für seinen Film „Heimat“ gewiss nicht.  Für die Nazis war keine Idee wichtiger als die Unterscheidung von Mann und Frau. Sie wirkte sich in allen Winkeln ihrer Ideologie aus.  Wer einen Spielfilm über die Nazizeit drehen will, muss scheitern, wenn er diese Prämisse nicht beachtet.  Meine Reaktion auf den Film war von Anfang negativ gewesen: er stimmt nicht, sagte ich. Jetzt weiß ich endlich warum.  Er weicht der nazistischen Verherrlichung von Männlichkeit und Heldentum  und Eroberung  aus.   Vielleicht haben  die Leute von Schabbach so etwas ohnehin nicht geschätzt. Aber dann eignen sie sich auch nicht als Beispiel für die Nazizeit.  Ein erzählender Film über jene Zeit müsste mir Antwort geben auf die Frage: Wie war Auschwitz möglich?  Das tut „Heimat“ nicht. Möglicherweise erzeugte der  Film Selbstmitleid? Das wäre fatal.

Vielen Dank für das Interview.
Barbara Höhfeld, Frankfurt am Main"

Frankfurt, den 10. April

Grade komme ich von einem kleinen Spaziergang zurück: Karfreitag in Coronaruhe. Ich genieße die Stille  - wir haben gewöhnlich ziemlich viel Fluglärm hier herum. Und wie herrlich die Düfte aus den blühenden und sprießenden Vorgärten!  Die versinken in gewöhnlichen Jahren im Abgas der Autos. Und es herrscht keine Totenstille - nein, von den Balkonen höre ich Stimmen, durchweg heitere Stimmen von Männern, Frauen und Kindern. Auch ein paar Vögel singen. Alles klingt nach Frieden. Das tut gut.

Vorher hatte ich ein Buch von Fritz  Stern begonnen: "Das feine Schweigen". Fritz Stern ist ein Historiker, der sich mit der jüngsten Geschichte auseinandersetzt (geb. 1926 in Breslau, 1938 nach USA ausgewandert). Ich hatte mich in den vergangenen sechs Monaten und länger mit dem Thema der "gemeinsamen deutschjüdischen Geschichte" befasst. War dabei auf eine andere Historikerin gestoßen, Shulamith Volkov, die acht Jahre jünger ist als ich, und in Tel Aviv geboren. Sie hat den Ausdruck geprägt: "Antisemitismus als kultureller Code". Das heißt als etwas, das im Grunde jeder kennt und respektiert, aber nicht drüber redet. So ähnlich wie ein Tabu. Dieser Tage begegnete mir derselbe "kulturelle Code" wieder, und zwar als Zitat von Micha Brumlik, der 2002 in einer Zeitschrift darauf hinwies, dass Fritz Bauer (Generalstaatsanwalt in Hessen, initiierte und ermöglichte den Auschwitz-Prozess 1963-65)   "nach seiner Rückkehr aus der erzwungenen Emigration " es "als seine zentrale Lebensaufgabe" angesehen habe, diesen "tief in der deutschen Alltagskultur verwurzelten Code ... außer Kraft zu setzen". 

Aber eben nicht nur im Alltag. Fritz Stern erzählt in "Feines Schweigen" über Jakob Burkhardt, ebenfalls ein bedeutender Historiker, aus dem 19. Jahrhundert (1904 gestorben), den Stern zwar tief bewundert für seinen Durchblick, für seine Wahrnehmung der Zusammenhänge zwischen Geschichte und Gegenwart, dem er aber auch einen unglaublichen Judenhass nachsagen muss. Nichts als die Meinung eines sehr konservativen Akademikers - aber tödlich. Stern fügt distanzierend ein: "Man darf nicht vergessen, dass der rapide Aufstieg west- und mitteleuropäischer Juden im 19. Jahrhundert ein einmaliges Phänomen in der europäischen Geschichte darstellte: den Weg einer selbstbewussten Minderheit, die von der abgegrenzten Peripherie, dem Ghetto, in ein oder zwei Generationen einen prominenten, wenn auch stets umstrittenen und begrenzten Platz im Zentrum des Lebens erreicht hatte." Sie brillierten in allen Neuheiten: Presse, Verkehr, Kapitalismus, Revolution usw.. Burkhardt in Basel, in der beschaulichen Schweiz, hielt  Modernes meist für überflüssig und schädlich. Und so konnte er, von den "HH. semitischen Juristen" sprechend, schreiben: "Die Semiten werden namentlich ihre völlig unberechtigte Einmischung in alles mögliche büßen müssen ..."  Burkhardt schrieb das nur in einem privaten Brief, öffentlich äußerte er sich darüber nie. Aber Stern  erkennt eben auch darin das "feine Schweigen", den kulturellen Code, eine Art von Tabu, an das sich jeder hält, das aber einen plötzlichen Ausbruch erlaubt......

Es ist da etwas, das ich dann doch nicht verstehe: es gab  hier Juden seit dem frühen Mittelalter, sie bildeten Gemeinden, sie waren berühmt für ihre Ärzte, sie wurden von den Kirchen immer wieder angefeindet (also gefürchtet) - sie sind  immer da gewesen. Wie konnte ein so gebildeter Mensch wie Burkhardt annehmen, sie kämen ganz neu? Stern verrät nicht, ob Burkhardt jemals einem wirklichen Juden begegnet ist .....

Und wenn ich heute versuche, mit jemandem über die "gemeinsame deutschjüdische Geschichte" zu sprechen, bekomme auch ich nirgendwo Anwort. Also nirgendwo unter den nichtjüdischen Deutschen. Überall wo ich anklopfe, zieht man sich höflich zurück oder antwortet erst gar nicht...... Dabei wär diese Perspektive doch ein gutes Mittel gegen den Antisemitismus. Nichts hilft besser als sich gegenseitig kennenzulernen! Nun werde ich als nächstes Sterns "Feines Schweigen" weiterlesen, vielleicht erfahre ich dabei mehr.