Tagebuch Sommer 2021

Frankfurt, den 8. Juni

Gestern  las ich einen seltsamen Satz in der  taz: „Die Boomer können noch digital von analog unterscheiden, weil sie nicht damit aufgewachsen sind.“ Der Schreiber zählte sich offenbar schon zu der nächsten  Generation, die das nicht mehr kann. Was sind „Boomer“? Ich nehme an, dasselbe wie „Babyboomer“, so nannten sie in Amerika die Leute, die wieder mehr Kinder kriegten – ich glaube, das war mindestens eine Generation nach mir. Ich gehöre nicht zu den „Boomern“, aber digital  von analog unterscheiden, das kann ich freilich noch heute.

Die Jüngeren können das also nicht mehr. Nun behaupten sie, Covid und Antisemitismus seien dasselbe. Das wäre eine Erklärung, und ich bin nach einigen Zweifeln froh, dass ich  gestern hier geschrieben habe, was da steht. Antisemitismus und Rassismus sind  tatsächlich „Einbildungen“!  Wirklichkeit werden nur die Folgen dieser Einbildung. Mich hat beim Schreiben die Überzeugung geleitet,  dass Hexen nur so lange verbrannt wurden, als man glaubte, dass es Hexen gebe. Das war lange genug. Dauert die Judenfeindschaft indessen nicht schon viel länger? Ein Grund mehr, darauf zu bestehen: Sie beruhte schon immer auf Einbildung.

Auch auf Neid, würde mancher sagen. Ist Neid denn keine Einbildung? Nein, Neid ist ein Gefühl, das jeder kennt. Ein Gefühl  wie Trauer, Wut oder Liebe. Teil des Menschen. Neid gehört zu den bösen Triebkräften, oder denen, die es zu überwinden heißt.  Umwandeln in Interesse. Seinen Verstand benutzen und sich zum Beispiel fragen; wie manche Juden es anstellten, superreich zu werden. Heute werden auch Nicht-Juden superreich – weil sie sich vermutlich eben diese Frage beizeiten gestellt haben.  Ich bin nicht superreich, weil es mich nie interessiert hat. Jeder braucht Geld, um zu leben,  wirklich jeder. Aber „Reichsein“ ist was anderes.

Eine Freundin hat mir das Foto von ihrem Enkel geschickt, der ein schwarzes Küken in der Hand hält. Ob diese Kinder, ob die heutigen Kinder wieder „analog“ von „digital“ unterscheiden lernen? Ein Küken in der Hand mag es sie lehren. Hoffnung erlaubt.

 

 

Frankfurt, den 6. Juni

„CORONA IST KEINE EINBILDUNG – RASSISMUS UND ANTISEMITISMUS AUCH NICHT.“

Diesen Satz fand ich am Wochenende vom 29./30. Mai in der taz; er stand in einer Beilage der Amadeu-Antonio-Stiftung.

In einem Leserbrief dagegen zu protestieren, wird nicht reichen, denke ich, weil man den Brief vermutlich nicht drucken wird. Ich will mich hier nicht in Vermutungen verlieren - das ist, was ich schreiben würde und hier schon mal schreibe:

"Falsch!

Was ist daran falsch?  Alle drei können sie Menschen töten, das stimmt. Jedoch:

Wohl ist Corona ein Virus und keine Einbildung, aber Antisemitismus und Rassismus sind Einbildungen! Sie stützen sich  auf Vorurteile, auf Erfindungen, auf bösartige Aussagen. Und sie haben Tradition. Das macht sie nicht wahrer.

Gegen Corona hilft Impfen. Gegen Antisemitismus nicht. 

Was hilft gegen Antisemitismus?

Dasselbe wie gegen andere Verschwörungsfantasien: hinschauen, lernen, wissen. Der Gebrauch der eigenen Vernunft. Gespräche mit den Mitmenschen, immer wieder Gespräche: zuhören, zuhören, erwidern, zuhören. Sich mit den andern einlassen und das gleiche von ihnen verlangen: zuhören.

Dagegen hilft nicht: Verbieten.

Ich weiß nicht, was gegen Antisemitismus und Rassismus hilft. Aber müssen wir nicht um so dringender DARÜBER nachdenken?"

Der taz werde ich den Eintrag "zur Information" schicken!

Frankfurt, den 4. Mai

Wieso hab ich eine so lange Pause gemacht? Seit April, eine Woche nach Ostern, bekam ich  Bauarbeiter ins Haus. Meine Badestube wurde erneuert - ein "altersbedingter Umbau", wie das heute so heißt, d.h. man ersetzt die Wanne durch eine Dusche. Wegen des hohen Alters habe ich auch alles andere erneuern lassen - die Kacheln und Fliesen, die Heizung, das Waschbecken. Nur die Tür blieb und auch die kleinen Metallregale, die mir einst Freunde von Pascale, also Künstler geschaffen hatten. Bertram von der Düsseldorfer Kunstakademie hatte die Regale entworfen, zusammengeschweißt und bemalt - ich finde sie unverändert schön, und sie machen auch jetzt recht was her. Ebenso die Innenseite der Tür: Nathalie Zlatnik aus Luxemburg von der Wiener "Angewandten" (Hochschule für angewandte Kunst) bemalte vor 20 Jahren diese gewöhnliche, furnierte Holztür über die ganze Fläche mit einer wunderschönen Melusina, die über sich die Wasseroberfläche, mit Segelschiff, Wind, Sonne und Wolken hat und dazwischen noch die Vision des Paradieses mit Adam und Eva von Holbein. Mein Bad ist jetzt sehr viel heller geworden als vorher. Dennoch muss ich mich erst dran gewöhnen....

Vor allem auch, weil ich seit einiger Zeit immer schlechter gehen kann. Woran liegt das? Ist es nur Arthrose oder auch eine Neuropathie? Über eine solche reden die meisten Ärzte nicht gern - ich habe aber schon einen Termin beim Neurologen.  Immerhin - in meinem Alter - ich will nicht klagen.

Zum Umbau des Bades bot mir der Installateur eine Toilette mit  "Bidetfunktion " an.  Für  beides, Toilette und Bidet, reichte der Platz nicht. Dabei lernte ich: wenn Männer von einem "Bidet" reden, meinen sie etwas anderes als Frauen. Ein Bidet, so hatte ich einst in Frankreich entdeckt, erlaubt Frauen, ihren gesamten Schambereich gründlich und bequem zu waschen, mit warmem und kaltem Wasser., ohne sich auszuziehen. Für diesen Zweck wurde es erfunden - eine Waschschüssel nur für Frauen! In Deutschland kannte man  das nicht. Frauen wagten gar nicht, an so etwas zu denken. Offenbar gilt das immer noch: wenn ein Mann in Deutschland von einem "Bidet" redet, dann meint er eine Vorrichtung, mit der er seinen Anus, auch ohne sich auszuziehen,  mit Wasser waschen kann. Mehr nicht.  Mehr geht auch bei dieser "Bidetfunktion" nicht. Ja, hier gibt es noch den eindeutigen Unterschied zwischen Männern und Fraunen, nicht nur beim Kinderkriegen! Und wird gern ignoriert.

Heutige Feministinnen sprechen von Menschen, "die schwanger werden", und für die sie gleiche Rechte wie für Menschen, die nicht schwanger werden, fordern. Falls da wirklich ein Kind bei rauskommt, soll im Prinzip der Staat sich drum kümmern. So wie es die Männer auch oft genug halten. Nur wer will, behält sein Kind.... Das stand so in der "taz", ich hab es selbst gelesen.

Gewiss, heute kann man allerlei Seltsames lesen. Die klügste und weiseste Erwägung, die mir zu Anfang der Corona-Pandemie begegnete, war diese: dass öffentliche Sprecher in einem solchen Fall zuoberst und zu allererst bedenken müssen, wie man die öffentliche Ordnung bewahrt, wie man Aufruhr und Panik verhindert. Das haben unsere Bundes- und Landes-Regierungen recht gut geschafft, finde ich, und dabei föderalistisches und demokratisches Verhalten immer noch geschützt!  Derzeit wird, seit einem Monat und es wird noch einen zweiten Monat so weitergehen, öffentlich überlegt, wie man "doppelt Geimpften und Getesteten" ihre Grundfreiheiten zurückgibt. Eine rechtschaffene Frage, wobei wenig beachtet wurde, wie Kellner und Köche vorrangig  geimpft werden müssten,  damit Restaurants, und sei es auch nur draußen, wieder Gäste empfangen dürften. Was ja für alle Dienstleistenden gilt, oder gelten müsste. Und auch erst seit kurzem wird überhaupt genügend Impfstoff geliefert. Nörgeln,schimpfen, protestieren - alles erlaubt! Wir leben doch in einer Demokratie. Aber Denken ist auch erlaubt. Das ist etwas, das mir auffällt, wenn ich durch die Straßen gehe: Menschen, die sehr konzentriert miteinander reden, kein Smalltalk mehr, sondern  über Themen, die sie angehen, die sie interessieren. Am Tonfall der Stimmen erkenn ich  das. Es scheint mir das Schönste an Corona zu sein: sie schenkt mehr Zeit zum Nachdenken, und viel nutzen es. Und merken: auch Fragen und Zuhören sind Teil des Nachdenkens.

Hoffentlich machen bald die Geschäfte wieder auf.

 

 

 

 

 

 

Frankfurt, den 22. März

Am gestrigen Eintrag musste ich eine Änderung vornehmen, weil ich mich geirrt hatte. Levinas hat zwar zunächst in Straßburg studiert, ist aber später auch an der Uni Freiburg im Breisgau gewesen, also in Deutschland, und dort begegnete er Husserl und auch Heidegger, die ihn beide sehr beeinflussten, wie die Spezialisten erklären. Das werde ich in den nächsten Monaten dann näher kennenlernen.

Straßburg, die Hauptstadt des Elsaß, hat eine hybride Geschichte, was die Nationalität angeht. Bis 1686 gehörte die Region zum Reich, d.h. war Teil des sogenannten Heiligen Römischen Reichs deutscher Nation; doch dann wurde die Gegend von Ludwig XIV. annektiert und blieb französisch bis 1871, wo sie vom 2. Deutschen Reich seinerseits annektiert wurde. Das dauerte bis 1918, dann wurde das Elsaß wieder französisch und ist es bis heute geblieben. Die elsässische Sprache hingegen, ein deutscher Dialekt, hat sich bis heute gehalten, ja, man kann sagen, das Elsaß ist zweisprachig. Von Paris aus gesehen, ist es nie so richtig französisch geworden, von Deutschland aus gesehen, fühlt man sich ein bisschen verwandt. Eigentlich: eine ur-europäschie Landschaft!

Eine Folge dieser Ereignisse war die Geschichte der Juden. Im Reich hat es seit der Römerzeit Juden gegeben, sie wurden nach und nach deutsche Juden, auch mehrsprachig. In Frankreich dagegen wurden seit dem 13. Jahrhundert alle Juden vertrieben. Mit den Eroberungen der französischen Könige, insbesondere Ludwig XIV.,  wurden aber Gegenden wie das Elsaß oder wie der Vatikanstaat um Carpentras (Provence) dem französischen Königreich einverleibt, und sowohl der Vatikan wie das Reich hatten ihre Juden nicht vertrieben (nur zeitweise verfolgt, sei um der Wahrheit willen hinzugefügt). Ludwig XIV. tat das auch nicht, es interessierte ihn nicht. Der Judenhass der katholischen Kirche war indes nicht verschwunden, er hielt sich auch bei Adel und Militär, und so kam es am Ende des 19. Jahrhunderts in Frankreich zu der "Dreyfuss-Affäre". In der französischen Republik hatte es der jüdische Elsässer Dreyfus zum Offizier, zum Mitglied des französischen Generalstabs gebracht, und wurde plötzlich, von Militär und Kirche verleumdet, wegen "Landesverrat" verurteilt, entehrt und auf eine Strafinsel verschickt. Zehn Jahre kämpften überzeugte Republikaner wie Emil Zola um seine Rehabilitierung, und sie gelang zuletzt. Heute hetzen auch in Frankreich die extrem Rechten, die Nationalisten, wieder gegen Juden.....

 

Frankfurt, den 21. März

Frühlingsanfang.... Zu Mittag lugt die Sonne hervor, verschwindet, kommt wieder und treibt das Thermometer ein weniges über 10°C hinaus. Ich sehe eine Botschaft: Frühling ist unterwegs!  Oder wie Möricke schrieb: „Und dräut der Winter noch so sehr / mit trotzigen Gebärden / und streut er Eis und Schnee umher / es muss doch Frühling werden!“

Nächste Woche wird die Flora explodieren! Und die Vögel werden singen! Es lebe das Rotkehlchen!

Ich habe einen wundervollen Aufsatz über „Levinas und die Aufklärung“ gelesen. Vor einiger Zeit, als man noch Seminare besuchen konnte, erlebte ich, dass eine Frau (mittleren Alters) mit einer von Empörung gestärkten Stimme erklärte, dass „Aufklärung“ ganz schlimm und total falsch sein. Ich war perplex, ich verstand das nicht. Aufklärung war für mich immer die „Befreiung aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit“ (Kant).  Unmündig sind all jene, die Anderen die Verantwortung für sich überlassen  (das gilt natürlich auch für die Frauen, welche selbst Kant noch in einer faktischen Unmündigkeit verbleiben ließ). Jedes Kind hat Vernunft mitbekommen und lernt, sie zu gebrauchen, wenn es nicht daran gehindert wird.  In dem Aufsatz eines Professors von der südböhmischen Universität Budweis (1)  begriff ich zum ersten Mal, wie jene Frau in dem erwähnten Seminar zu ihrer Auffassung gekommen sein mochte: nämlich dann, wenn man die Vernunft vergöttert oder einzelne Menschen sich selbst vergöttern, wie derzeit Erdogan, der glaubt, eine „Familie“ wäre nur zu haben, wenn die Frau und Mutter verprügelt werden darf, notfalls ermordet!  Wenn so was unter „Vernunft“  liefe, dann wär sogar ich dagegen.  (Läuft es aber nicht, und so bin ich jederzeit dagegen!)

Dem südböhmischen Professor geht es um den Philosophen Emmanuel Levinas (1906 – 1995), der, ein geborener Litauer, dessen  Abitur eines dortigen  jüdischen Gymnasiums in Deutschland nicht anerkannt wurde (!), nach Strasburg studieren ging. Dort  studierte er Philosophie und fühöte sich zuhause. Später studierte er auchin Freiburg im Breisgau, wo er auf Husserl traf, einen Philosophen, der die „Phänomenologie“ ausarbeitete, die Levinas, nachdem er 1918 Franzose gewprden war, weiter entwickelte.  Sein Thema wurde nicht (wie in vielen anderen Philosophien, aber wohl nicht in der Phänomenologie) das Subjekt oder die  Beziehung Subjekt-Objekt; nein, er stützte sein ganzes Menschenbild auf die Beziehung zum „Anderen“, dem Nicht-Ich, dem gänzlich Fremden.  Ja, er entwickelte daraus „ein Drittes“.  So schreibt er: „In dem Maße, indem das Antlitz des Anderen uns mit dem Dritten in Beziehung setzt, nimmt der metaphysische Bezug von mir zum Anderen die Form des Wir an, zielt er auf den Staat, die Institutionen, die Gesetze, die die Quelle der Universalität sind.“ (Und dieses "Wir" wäre dann das "Dritte".)

In dem privaten Philosophiekreis, in dem ich noch immer Mitglied bin, fangen wir an, von Levinas zu hören und zu sprechen.  Es sieht für mich so aus, als setze dieser die Aufklärung insofern fort, als er ihr neben der Vernunft ausdrücklich auch die Ethik zur Seite stellt, die ja schon Kant nicht leugnete, sondern nur als selbstverständlich voraussetzte.  Ethik ist Teil des Menschseins, genau wie die Vernunft!

(1) Dr. Jakub Sirovátka, Professor für Philosophie an der südböhmischen Universität von Budweis. Sein Text steht in der „Zeitschrift für christlich-jüdische Begegnung im Kontext“ 3/2020 (früher: „Freiburger Rundbrief“).