Tagebuch Winter 2020/2021

Frankfurt, den 12. Januar

Im Morgendämmern sich noch einmal im warmen Bett umdrehen. Geräusche hören, die sich nicht einordnen lassen. Wohlig das Unbegreifliche unbegreiflich sein lassen – nicht alles erklären müssen! Nicht jederzeit als Wachsoldat neben der Vernunft stehen müssen. Sehnsucht nach Träumen?

Da fällt mir ein, dass wahrscheinlich draußen jemand Schnee vom Beton schabt. Es könnte geschneit haben diese Nacht.

Ja, und es schneit immer noch, wie ich kurz darauf beim Blick aus dem Fenster bemerke. Eigenartig, wie sich der vertraute Anblick unterm Schnee verändert. Hinter den Häusern dichter Nebel.  Ich suche nach dem Fotoapparat.

Gestern Abend unterhielt ich mich in einem Telefongespräch lange über Feminismus. Den Ausdruck gebrauche ich ungern, er legt einen im Kopf der andern leicht allzu fest: als berechenbare Gesinnung, als Männerverachtung, als Kampfansage. Ich bin eine Frau – und das ist ein Mensch, der sich durch seine natürliche, das heißt auch unwillkürliche Fähigkeit, Kinder hervorzubringen, von andern Menschen, die diese Fähigkeit nicht besitzen, unterscheidet. Die neun Monate Schwangerschaft und die Geburt verändern die Selbstwahrnehmung einer Frau grundlegend.  Sie wird nie mehr dieselbe sein wie vorher. Sobald das Kind geboren ist, stellt sich die Frage der Verantwortung. So ein Kind braucht Versorgung, sonst kann es nicht überleben. Die Gebärende hat nun in ihren Brüsten Milch, um damit das Kind solange zu nähren, bis es die Nahrung von Erwachsenen verdauen kann. Die meisten Männer stellen sich dieser Verantwortung  zunächst nicht. Und wenn doch, dann wollen sie selbst und allein darüber bestimmen: über das Kind, über die Mutter. So entstand das Patriarchat.

Wir leben in einer Zeit und – in Europa – an einem Ort, wo sich diese Dinge langsam ändern.

Übrigens wird die Schwangerschaft der Frauen in einem Ritual gespiegelt, das die Männer für ihren Nachwuchs entwickelt haben: durch Initiationsriten  wurden Jungen zum Mann gemacht. Ich hatte mich lange gefragt: warum gibt es solche Riten nicht für Frauen? Ich denke jetzt: Schwangerschaft ist die Antwort. Die ist in etwa ab 16 Jahren möglich – in dem Alter, in dem die Italiener eine Frau als „nubile“  bezeichnen, was ins Deutsche recht bürokratisch mit „heiratsfähig“ übersetzt wird. Es ist ein Männerwort: von dem Moment, wo ein Mädchen gebärfähig wird, kann ein Mann von ihm Nachwuchs erwarten, sie also hoffnungsfroh heiraten. Wer erinnert sich noch daran, dass ein persischer Schah sich ziemlich rasch von seiner ersten  Frau wieder scheiden ließ, weil sie keine Kinder bekommen konnte? Unbrauchbar!

Die Zeiten ändern sich. Schön. Doch nicht alle sind einverstanden damit, dass Frauen selbständig über ihren Körper entscheiden dürfen. Dass für sie die gleiche Definition der Menschenrechte gilt und gelten muss wie für Männer.  Dagegen erheben sich alle Arten von Fundamentalismen: die Evangelikalen in den USA, die Islamisten im Orient und bei uns die Völkisch-Nationalen, die Frauen wieder zurück an den Herd schicken wollen. In den Statuten der deutschen Rechtspartei AfD findet man schon die Handhabe dafür. Bei konservativen katholischen  Bischöfen hat sich die altbackene Unterscheidung bis heute erhalten: der Mensch ist ein Mann, der, wenn er schwach ist, neben sich eine Frau haben soll, die ihn unterstützt; aber wenn er stark ist und trotzdem auch zu Gehorsam fähig, wird er Bischof..... Nun, ich versuche zu scherzen.

Eine andere Frage, auf die ich bislang keine Antwort gefunden habe, ist die der Erziehung. Seit vielen tausend Jahren haben kluge Männer über die Erziehung von Jungen nachgedacht. So kam es zu den Initiationsriten. Unsere heutigen Erziehungsgrundsätze  orientieren sich aber immer noch an dem Bedarf von Jungen, scheint mir. Streng genommen: an dem Bedarf  von Menschen. Aber was ändert das? In den romanischen Sprachen etwa gibt es keinen Unterschied zwischen „Mensch“ und "Mann".  Idealerweise sollte ein Mensch, wenn er/sie erwachsen wird, selbständig für sich selbst einstehen und aufkommen können. Warum wird das oft nicht erreicht? Dass Vierzigjährige noch auftreten wie fünfjährige Kinder: Ich will das haben, was ich immer hatte! Darauf habe ich ein Recht!

Ich vertrete eine andere These: in der Erziehung kommt die Frage nach der Verantwortung nicht genügend vor. Diese uralte Frage, die sich einer Gebärenden spontan stellt, die scheinbar selbstverständlich auftritt und auf die die Frauen reagieren. In den wenigsten akademischen Fächern spielt Verantwortung eine Rolle. In der Philosophie läuft sie einzig unter Ethik. Ethik lässt sich nicht streng mathematisch-logisch beweisen, wie andere wissenschaftliche Theorien, also schieben z.B. BWL’er sie gerne ganz beiseite. Der Zweck eines Betriebs, so lernen sie,  ist es, Gewinne zu erwirtschaften, nicht aber, auf Menschen Rücksicht zu nehmen.  Für den Schutz der Menschen muss heute „der Staat“ sorgen, mit Vorschriften über Arbeitsschutz, Umweltschutz, Tierschutz, Mutterschutz.........

In meinen Augen bleibt die Frage nach der Erziehung von Mädchen offen, die vielleicht  auch als eine Erziehung zur Verantwortung für ALLE  gedacht werden könnte. Ich halte es nicht für Zufall, dass sich unter den Klimaschützern  ganz besonders viele Mädchen und Frauen hervortun. Eine Aussicht, die mir Hoffnung macht.

 

 

 

Frankfurt, den 2. Januar 2021

 

Vom Willkommenheißen

Das Wort „Segen“ klingt angenehm in den Ohren, nicht wahr? Es reimt sich auf „Regen“ und ein solcher, im richtigen Moment, wird gern ein „Segen“ genannt, nämlich für Felder und Gärten – besonders  im Mai sichert dieser Regen die Ernährung für den nächsten Winter.....sicherte, muss ich sagen; heutzutage quellen die Märkte das ganze Jahr lang von Früchten über. So werden die Tomaten im Garten häufig zum Hobby. Professionelle Tomatenanbauer indessen haben auf den Feldern ihre Bewässerungsanlagen.

Gleichzeitig ist „Segen“ aber auch ein religiöses Wort. Wer gibt einen Segen? Nach der Redensart „Na ja, meinen Segen hast du“ – eine zögernde Zustimmung, die etwa eine Mutter ihrem  heranwachsenden Kind mit auf den Weg gibt, zu einem Ziel, mit dem sie nicht einverstanden oder zumindest nicht vertraut ist – handelt es sich um Alltag, nicht um etwas „Religiöses“.  Ja, gehört Religion denn nicht zum Alltag? Heute nur noch selten, und die meisten Leute betrachten eine solche Vermischung eher als überholten Aberglauben, gegenüber welchem man jedoch tolerant zu sein hat.

Ein gewisses Gefühl für das, was „Segen“ bedeutet oder bedeuten kann, existiert also noch. Es ist etwas mehr als „Alles Gute!“ oder „Glückwunsch!“.  Das Wort kommt nicht sehr häufig vor, ist aber nicht ausgestorben.

Auf Französisch heißt der Segen eine „bénédiction“, eine „gute Rede“ oder so ähnlich.  Und dennoch stellt sich auch dort die Frage: Wer erteilt die "bénédiction“? oder: Wer darf das? ebenso wie im Deutschen bei dem Wort „Segen“.  Darf ich segnen? Ich meine, habe ich die Macht, einen Segen zu erteilen? Kann ich das aus eigener Kraft, oder brauch ich eine zusätzliche Kraft dafür, die außer mir existiert? Immerhin geht es dabei um Zukünftiges, und niemand kann wirklich über die Zukunft entscheiden. 

All diese Gedanken drehten sich jüngst in meinem Kopf, als ich über den Begriff „Willkommen“ nachdachte. Auch dies ist ein Wunsch, der sich auf die Zukunft erstreckt. Im Französischen heißt es „Bienvenu!“, ist also ähnlich konstruiert wie  „bénédiction“ und bedeutet in etwa: „Gut gekommen!“, oder „gut, dass du kommst!“, und ist ein Wunsch, keine Feststellung.  In beiden Fällen ist gemeint: möge (aus meinen Worten oder aus deinem Kommen) etwas Gutes ersprießen.

Da ich seit vielen Jahren Familie in Israel habe und oft dort gewesen bin (das Corona-Jahr war das erste seit fast 40 Jahren, in dem ich nicht hinreiste), kenne ich einige Worte Hebräisch, und zu diesen Worten gehört das hebräische Willkommen: „baruch haba“, gesegnet sei, der kommt. Das ist ein Singular, und darum existiert auch ein Plural: „bruchim haba’im“, gesegnet seien die, die kommen (übrigens gibt es beides noch mal in weiblicher Form). Den Plural kann man auch mit „Gesegnet sei, was kommt“ übersetzen. Wer segnet hier? Gemeint ist immer: „Möge Gott segnen, was kommt.“ Und doch spricht diesen Segen ein Mensch aus, der sich entschieden hat, in diesem Fall Gottes Segen herabzurufen.  Die „äußere Kraft“, von der ich vorher gesprochen habe, steckt hier verborgen in der Verbform, und wer sie gebraucht, wird sich der vollen Bedeutung durchaus nicht immer bewusst sein. Damit meine ich: „Willkommen!“ kann jeder sagen, auch im Hebräischen, wenn ihm oder ihr danach zumute ist. Aber man denkt nicht immer darüber nach.

Wenn ich „Willkommen!“ sage, so verspreche ich dem Ankommenden damit auch, dass ich friedlich gesonnen bin. Wenn ich aber „Bruchim haba’im!“ sage, so rufe ich gleichzeitig einen Segen über dem, wer oder was kommt, aus, was bedeutet: dass auch der andere friedlich gesonnen sein möge. Bekanntlich gehören zum Frieden immer zwei. Mit diesem Segen gewinne ich einen kurzen Moment, in dem mir das oder der Neue, Unbekannte nicht als beängstigend erscheint, sondern als friedfertig,  als positiv. Für einen Moment lang kann ich ihn, sie oder es mit allen Sinnen betrachten und einen Eindruck gewinnen.  Sie wissen ja, der erste Augenblick entscheidet oft über Sympathie und Antipathie. Dieser Moment, unter dem Schirm des Segens, ermöglicht mir, mich auf die Zukunft vorzubereiten. Mich besser vorzubereiten, als wenn ich von Angst gelähmt wäre.  Dieser Moment ist von Zuversicht erfüllt.

Darin kann die Kraft des Segnens liegen, wenn man denn meint, was man sagt und sich nicht mit Floskeln zufrieden gibt.

 

 

Frankfurt, den 12. Dezember

Als einen Akt von Freundschaft erhielt ich dieser Tage ein Päckchen mit einem Buch und zwei älteren Zeitschriften darin. Das Buch hieß „Ritual und Gewalt“. Es lag auch eine Karte der Absenderin dabei, die mir Lektüre zum Advent wünschte, weil sie mich kennte als eine, die gern liest.

Ja, glücklicherweise kann ich trotz meines vorgeschrittenen Alters noch gut lesen. Und ich lese viel, komme kaum nach mit dem Lesestoff. Es gibt so vieles, das ich genauer wissen möchte. Es muss danach aber auch alles im Kopfe verstaut werden, es soll sich ins Bestehende sinnvoll einordnen lassen, wofür ich doch immer wieder auch Extra-Zeit brauche. Kann ich da mit dem Thema „Ritual und Gewalt“ etwas anfangen?

Aus politischer Sicht habe ich mindestens die letzten 40 Jahre sehr angespannt und genau die laufenden Ereignisse verfolgt, ich wollte wissen, wo das herkommt, was es bedeutet, welche Ziele dahinter stehen. Da waren „Rituale“ ein grell schillerndes Thema, eng verknüpft mit jeglicher Sicht auf den Ursprung der Welt. Vor wenigen Jahren nahm ich noch an einer längeren Tagung zum Thema „Tabu“ teil – damit, so schien mir, hatte ich das Thema „Rituale“,  deren Ursprünge und Verwirklichungen mitsamt ihrer Bedeutsamkeit, einmal umrundet.  Ein Ritual ist zum Beispiel auch, wenn ich ein Buchgeschenk in buntes Papier einpacke, bevor ich es überreiche.  Es ist ein Ritual, wenn ich, nach deutscher und sehr unpraktischer Sitte, einen Blumenstrauß von seinem Einwickelpapier vor der Übergabe befreien muss. (Wohin mit dem Papier?)  Selbstverständlich gehören Weihnachtsfeiern in diese Rubrik. Ein gemütliches Sonntagsfrühstück. Das sind die harmlosen Rituale, die indes ihre Bedeutung haben.

Es gibt unter Ritualen auch solche, deren Ausführung heute verboten, ja tabuisiert ist, und bei denen ein Verstoß gegen das Verbot es umso „wertvoller“ macht, wie etwa Körperverletzungen bei Initiationsritualen. Beim Militär kommt so was manchmal vor. Bei den korporierten Studenten zeugen die sog. „Schmisse“ davon.

Rituale  sind wahrscheinlich die ältesten Regeln zur Eindämmung von Gewalt. Wer das Ritual missachtet, wird  sterben, wird für alle Ewigkeit bestraft.  Oder was auch immer. Die Furcht vor der Strafe muss nur groß genug sein, dann funktioniert das – bei allen Menschen, überall auf der Welt. In dem  besagten Buch stellt der Autor Zusammenhänge zwischen diversen Ritualen und diversen Gewalttätigkeiten fest. Nicht zufällig ist der Verfasser ein Ethnologe. 

Soweit zu „Ritual“. Wie aber stet es mit „Gewalt“? Da begnügt sich der Verfasser mit allgemein verständlichen Bezeichnungen wie „Mafia“, „Al Quaida“, „Ehrenmord“, um nur einige zu nennen.   Es kommt ihm nicht in den Sinn, etwa auf die Tatsache hinzuweisen, dass in der BR Deutschland, statistisch gesprochen, alle drei Tage eine Frau von ihrem jetzigen oder ehemaligen männlichen Partner getötet wird. Wahrscheinlich hätte unser Autor ein Problem, das zugehörige Ritual dingfest zu machen. Also vielleicht die noch immer tradierte Überzeugung in unseren Gesellschaften, dass eine Frau dem Mann gehört, der sie einmal „besessen" und über die er Verfügungsrechte erworben hat? In den USA bezeichnet man gegenwärtig eine Gruppe von Männern als „unfreiwillig zölibatär“ („incel“), die keine Frau finden, die sich freiwillig mit ihnen liieren will, weswegen sie nun dafür kämpfen, dass ihnen ein verbrieftes Recht auf den Besitz einer Frau zustehe. Solche finden sich heute unter den verschiedenen Sorten von Rechtsextremisten, auch in Deutschland, die für ein Patriarchat ähnlich wie im 19. Jahrhundert kämpfen.  Davon steht in dem mir zugesandten Buch nichts. Es gäbe aber darüber sehr viel zu sagen. So sehe ich im IS nichts anderes als eine Gruppe von Männern, die allen Mitgliedern das Anrecht auf den Besitz (mindestens) einer Frau zusagt.

Darf ich diese Überlegungen als eine Antwort auf den anfangs genannten "Akt der Freundschaft" betrachten?

Vielleicht handelt es sich um eine schwierige Freundschaft. Um eine Verschmelzung von Sympathie und Wut. Aber, um mit Hillel dem Älteren zu fragen: Wer schützt mich, wenn ich es nicht tue? Ich beziehe mich damit auf die erste seiner berühmten drei Fragen: „Wenn ich nicht für mich bin, wer ist für mich? Wenn ich nur für mich bin, was bin ich? Wann, wenn nicht jetzt?“

Auf Artikel in den beiden Heften gehe ich vielleicht ein andermal ein.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Frankfurt, 16. November

Immer wieder frage ich mich, wie die Trump-Anhänger so reden können, wie sie es tun. Trump hat vom ersten Tag seines Amtes an gelogen, hat das Tag für Tag fortgesetzt. Das  kann doch keinem entgangen sein? Wie ist das möglich, solch ständiges Selbstbelügen der Anhänger?  Merken sie das nicht? Ist ihnen das egal?

Dieser Tage sprach ich mit einem Freund wieder einmal über Martin Buber und seine „Erzählungen der Chassidim“, die mir so viel bedeuten. So zitierte ich eine Geschichte, die wie folgt lautet: „Rabbi Pinchas pflegte zu sagen: Wenn einer singen will und kann die Stimme nicht erheben, und es kommt einer, mit ihm zu singen, so kann auch er die Stimme erheben. Das ist das Geheimnis des Haftens vom Geist am Geist.“ Das mit dem Singen, das habe ich selbst erlebt. Es gab eine Zeit, da hatte ich meine Stimme verloren, und mit Hilfe eines kundigen Menschen fand ich sie wieder. Ich lernte, nach den Regeln zu singen, ich sang sogar einige Male öffentlich in Begleitung einer Pianistin. Es war sehr schön, sehr aufregend. Ich singe immer noch gern, besonders auch mit anderen zusammen. Manchmal geschieht so etwas spontan. Aber es waren die Gesangslehrer, denen ich das verdanke, die sich so auf mich eingestellt haben, dass es mir wieder möglich wurde. Singen ist eine Gottesgabe.

Als ich nun wieder und wieder in den Fernseh-Nachrichten die Trump-Anhänger sah, die in wilder Begeisterung weiter für ihr Idol demonstrierten, ihm alles nachplapperten, was es von sich gibt, da kam mir plötzlich der Gedanke: wenn man in der frommen Geschichte anstelle von „singen“ das Wort „hassen“ gebrauchen würde, was natürlich das Gegenteil von fromm wäre und Rabbi Pinchas nie über die Lippen gekommen wäre, dann funktionierte das offenbar auch. Die Leute fühlen sich von ihrem Anführer in tiefster Seele verstanden, so halten sie weiter blind zu ihm. Es ist dieses „Haften vom Geist am Geist“,  das den Menschen wesentlich ist, und wenn sie sonst nichts gelernt haben, dann bleiben sie auf der niedrigsten Stufe stecken. So dass die amerikanischen Verhältnisse, über die wir uns in Europa so wundern, vielleicht eher mit den mangelhaften Leistungen öffentlicher Schulen zusammenhängen – öffentlich, damit kostenlos, damit von geringem Anspruch.  Oder überhaupt mit einem geringen Anspruch an das Lernniveau, das wohl auch von den Evangelikalen gewünscht wird. Nur nicht nachdenken, so kommt es mir vor. Man hat ja sein Maschinengewehr. Falls Gott grade nicht da ist, gibt es mir Sicherheit. Es wäre dann dieser Anspruch, um den es in dieser Präsidentenwahl ging. Zuversichtlich stimmt mich, dass offenbar in den Wahllokalen der ganzen Nation mit besonderer Aufmerksamkeit die Stimmen gezählt wurden, so dass nirgendwo Irrtümer oder gar Fälschungen aufgedeckt wurden. Jemand hat gesagt: „Es war die genaueste Wahl, die es je gab!“ Das bedeutet ja auch: eine Übereinstimmung der  Gemüter über das ganze Land hinweg. Ein erstaunlicher Weg zu einer neuen Einigkeit hin?

Der Mensch ist ein Lerntier. Zum Lernen geboren. Dennoch ist er dafür auch auf andere Menschen angewiesen.  Alle Menschen lernen von andern. Falls sie das nicht selbst verweigern, abwehren. Vielleicht weil ihnen die Zuwendung fehlte? Das "Haften vom Geist am Geist"?

Frankfurt, den 10. November

In den letzten Wochen hatte ich mich hauptsächlich auf ein Thema konzentriert: die gemeinsame deutsch-jüdische Geschichte. Sie gehört von Historikern geschrieben, von jüdischenund nichtjüdischen gemeinsam, und  sie gehört in der Schule gelehrt. Wie sonst sollen denn Kinder lernen, was "jüdisch" bedeutet und dass Juden an der Entwicklung unseres Landes großen Anteil hatten und haben? Die Erwachsenen müssen solange in Nachhilfe gehe, damit keiner mehr einem jüdischen Landsmann unterstellt, dass er nach Israel gehöre. Alle Deutschen können, wenn sie wollen, nach Israel, in die Vereinigten Staaten, nach Frankreich oder sonst wohin auswandern!

Diese gemeinsame deutsch-jüdische Geschichte hat schon mit den Römern begonnen. Meine Zeit verbrachte ich hauptsächlich damit, mein Anliegen in einem allgemein verständlichen Text zusammen zu fassen, den ich  der taz, auf die ich seit 40 Jahren abonniert bin, zum 9. November vorschlagen wollte. Vorgeschlagen habe. Ich erhielt wohl eine Eingangsbestätigung, aber sonst keine Antwort. Erschienen ist der Artikel auch nicht. Freunde meinten, er sei "überdurchschnittlich für Zeitungsniveau" oder "zu hoch auflösend".  Besser hab ich es für den Moment nicht geschafft. Nun gebe ich diesen Text mit kleinen  Änderungen in mein Webtagebuch. Hier ist er:

 

9. November: Zum Gedenken an die Pogromnacht vor 82 Jahren

Von Barbara Höhfeld

Das muss ich vorausschicken: ich spreche als Goy. So nannten die deutschen Juden früher die Nichtjuden. Seit dem Krieg nennt man uns auch „die Deutschen“, im Gegensatz zu „den Juden“. Ich will aber mit deutschen und von deutschen Juden sprechen. Die gibt es. Ignaz Bubis hat sich als deutscher Jude verstanden. Und vielen anderen, die gleicher Auffassung waren, bin ich begegnet. Es gibt jedoch eine völkisch, oder ethnisch, orientierte deutsch-nationalistische Minderheit im Lande, die will noch immer behaupten, dass  Jüdischsein das Deutschsein ausschlösse. Diese Minderheit gehört zu jenen, die derzeit den Antisemitismus anheizen. Vor Gewalt nicht zurückschrecken. Das fängt bei gewissen Studierenden-Vereinen an (sog. „Burschenschaften“),  zieht sich durch viele rechte Vereinigungen, Ordnungskräfte nicht ausgeschlossen, und endet immer wieder auf der Straße, in Attentaten. Es ist eine Schande.

Es lässt sich eine gemeinsame deutsch-jüdische Geschichte seit über tausend Jahren nachweisen. Sie ist nicht ruhmreich, nicht für die Goys. Doch erlaubte das deutsche Reich den Juden grundsätzlich, hier zu leben, sicherte ihnen Schutz zu – darum blieben  sie hier, darum wurden sie zu deutschen Juden, zu einem Teil der Deutschen; sie kämpften hier im 19. Jahrhundert gemeinsam mit vielen anderen freiheitsliebenden Landsleuten für den Rechtsstaat, für eine erste Verfassung, was 1919 zur Republik, zum allgemeinen Wahlrecht, zur Weimarer Verfassung führte. 

Andere Länder Europas gewährten solchen Schutz lange nicht (in Frankreich: nicht bis zur französischen Revolution). Darin liegt der Unterschied, und auf diesen Unterschied stütze ich mich. Denn ich will wissen, wie es zu Auschwitz kommen konnte, „Auschwitz“ als  Sammel-Begriff für die tödliche Judenverfolgung der Nazis. Was geschah VOR 1933, dass solche Verbrechen überhaupt  möglich wurden? Was geschah in den über tausend Jahren vor 1933?  Wer weiß das? Davon steht in den Geschichtsbüchern nichts. Ich habe in einigen Schulbüchern nach dem Wort „Jude“ gesucht, es kam nicht vor, oder höchstens im Zusammenhang mit der Naziherrschaft. Auch „Antisemitismus“ erschien meistens erst im 20. Jahrhundert. Das reicht aber nicht, um zu begreifen, woher die Vorurteile kamen. Was geschah vorher?

Schauen wir uns die Geschichte von Köln an. Köln wurde als römische Stadt in der römischen Provinz Germania gegründet (Germania reichte östlich kaum über den Rhein hinaus); es war eine florierende Handelsstadt. Im Jahr 459 eroberte ein Frankenkönig die Stadt, ließ aber die römische Ordnung zunächst bestehen, so dass die Stadt auch weiterhin florierte.  Schon im Jahr 321 war eine Anweisung vom römischen Kaiser an die Stadtregierung ergangen, dass künftig auch Juden  aktiv an der Regierung teilhaben dürften. Es hatte sich nämlich gezeigt, dass unter den Vornehmen der Stadt, die eigentlich zum Dienst an der Gemeinschaft verpflichtet waren, sich nicht mehr genug Personen fanden, die diese mühsame Arbeit auf sich nehmen wollten. Normalerweise waren Juden zur Teilnahme an der Verwaltung des Gemeinwesens  nicht zugelassen. Ihre Religion war im Römischen Reich grundsätzlich erlaubt. Sie brauchten nicht einmal der römischen Staatsreligion Respekt zu erweisen, wie das von anderen verlangt wurde, da die jüdische Religion eine solche Teilnahme an einer anderen Religion nicht gestattet. Allerdings durften die Juden darum auch keine öffentlichen Ämter bekleiden. Dieses Verbot wurde 321 für Köln aufgehoben. Das Dokument gibt es noch.

Jesus war Jude und wurde von einigen Juden als der von allen erwartete Messias ausgerufen. Doch wollten nicht alle das glauben und es entstand die Spaltung, die später auf der einen Seite zur Kirche führte. Die anderen blieben bei ihren überlieferten Gesetzen. Sie legten sie aus, immer neu, wie sie es schon lange taten. Sie konnten damit neue Situationen erfassen und einordnen.  Der Prophet Jeremias etwa sagte den Juden, die es nach Babylon verschlagen hatte: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte..... Mehret euch, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes...... und betet für sie....“   Danach richteten sie sich auch weitgehend in der Diaspora, innerhalb des Römischen Reichs.

Im westlichen Europa zerfiel das römische Reich etwa im fünften Jahrhundert. Da hatte sich das Christentum  schon kräftig entwickelt. 380 war es im ganzen römischen Reich zur Staatsreligion erklärt worden. Da das Christentum aus dem Judentum hervorgegangen ist, bestand von Anfang an eine Konkurrenz zwischen beiden, wie man sogar im Evangelium nachlesen kann.  Im  fünften Jahrhundert nannte Augustinus die Juden „die Knechte“ der Christen, da jene den Messias nicht erkannt hätten.

Die Konkurrenz wuchs. Im Deutschen Reich wurde sie virulent mit den Kreuzzügen; der erste  fand 1099 statt. Da begann die neu entstehende christliche Kaufmannschaft sich mit den Predigern in den Kirchen zu  verbünden. Die einen  stifteten Heiligenbilder und bunte Fenster für die Kirchen, die andere hielten mehr und mehr antijüdische Predigten.  Damit schadete man den Juden als den Konkurrenten der christlichen Kaufmannschaft, außerdem als eigene Konkurrenten. Luther hat mit seiner Hasspredigt von 1543 vielleicht den Vogel abgeschossen. Die Katholiken standen dahinter nicht zurück. Der Kaiser gewährte den Juden rechtlichen Schutz und bekam regelmäßig Geld von ihnen. Allerdings erhoben Städte und Fürsten zusätzliche Steuern und Zölle für Juden. Manche schützten sie vor Überfällen und Beraubung, aber nicht alle und nicht immer. Mit den Jahrhunderten wurden den Juden jedoch  fast alle Berufe verboten außer dem Kunst- und Geldhandel. Auch  Trödel und Kurzwaren durften sie noch feilhalten. In vielen Städten durften sie überhaupt nicht wohnen (z.B. Hamburg), in andern nur im Getto (Frankfurt).  Einmal, im 18. Jahrhundert, als im Frankfurter Getto ein Brand gewütet hatte,  wohnten sie mehr als zwei Jahre unter den Christen, bis ihre Häuser  in der Judengasse wieder aufgebaut waren. Sie hatten es mit der Rückkehr nicht eilig, doch die Stadtregierung drängte.

Im 19. Jahrhundert änderten sich sehr langsam, aber gründlich  die Verhältnisse, verschieden in den deutschen Staaten.  Die Bauern begannen, den jüdischen Viehhändlern zu vertrauen. Die Kirche verlor an Macht. Zu jener Zeit entstand auch der Begriff des Antisemitismus, er wurde im Politischen gebraucht. Er stützte sich  unausgesprochen  auf den Glauben, den die Prediger über die Jahrhunderte hinweg in den Köpfen, und Herzen, eingepflanzt hatten: dass die Juden von Grund aus böse seien, dass sie Macht über die Menschen ausübten,  vor der sich der Mensch schützen müsse. Wollte man all diese falschen Glaubenssätze vernünftig hinterfragen, zum Beispiel mit: Wem nützen sie? so würde sich zeigen, dass sie immer und immer wieder zum Vorteil derer ausschlugen, die sie behaupteten. Die Historikerin Shulamit Volkov hat das treffend an einem Beispiel  gezeigt.  In den 90er Jahren des 19. Jahrhunderts verloren Handwerker ihre Kunden, weil mehr und mehr Dinge billiger in Fabriken hergestellt werden konnten. Politische Gruppen, die das National-Völkische vertraten, bemühten sich nun um die Stimmen dieser Handwerker, indem sie ihnen versicherten, die „Juden“ seien schuld. Das hatten die Handwerker alle schon mal in der Kirche oder von den Eltern gehört, das war ihnen vertraut – und es wirkte wieder neu. Volkow nennt das einen „kulturellen Code“, eine Regel, die stillschweigend wirkt. Solche stillschweigende Übereinkunft stellte auch, bis heute, die in Berlin tätige Monika Friesel-Schwarz, Professorin für Kognitionswissenschaften und  Linguistin, fest. Sie untersuchte, zusammen mit einem Kollegen, das Thema „Antisemitismus und Sprache im 21. Jahrhundert“  (2013). Sehr lesbar!

Zu diesen negativen Seiten der wechselseitigen Interaktion gehörten aber auch positive, wie Freundschaften, Nachbarschaften, geistiger Austausch – ich denke etwa an Lessings „Nathan der Weise“. Jakob Wasserman, in den 1920er Jahren so berühmt, dass seine Romane in allen Bücherschränken standen, war einer von jenen, welche die Sehnsucht nach einer Symbiose zwischen Deutschen und Juden in hoher Vollendung zum Ausdruck  gebracht haben. Ja, das gab es damals  Es wäre Aufgabe der goy’ischen Historiker zusammen mit den jüdischen Historikern diese gegenseitige Durchdringung des Denkens und Fühlens zu erforschen und zugänglich zu machen, damit ein neuer Frieden gefunden werde. Lehrt die gemeinsame deutsch-jüdische Geschichte!