Tagebuch Sommer 2024

Frankfurt, 9.April

Verzeiht mir, ihr Freund:innen, dass ich mich so lange nicht mehr gemeldet habe. Das Thema war schwierig, ist es immer noch, und es gingen mir dabei so viele Fragen durch den Kopf, über die man nicht unbedingt öffentlich redet.

Wie gestern Abend im ZDF, wo zwei hartnäckige Reporterinnen den Verteidungsminister in Verwirrung bringen wollten, und sie auf seine Antwort: es gebe Dinge, über die man nicht öffentlich reden dürfe, ohne die Sicherheit unseres Staates zu gefährden, selbst in Verwirrung gerieten. Das verstehen inzwischen sogar die, welche unerbittlich auf Transparenz pochen, aber sie können noch nicht damit umgehen.

 

Ich las, seit meinem letzten Eintrag,  den Roman  "Jerusalemstag" von Ruth Fruchtman aus Berlin. Als "Jerusalemstag"  bezeichnen die Israelis jenen Tag, an dem im Krieg von 1967 die israelischen Soldaten in die Jerusalemer Altstadt einmarschierten, sie wieder in Besitz nahmen, welche bis dahin in jordanischen Händen gewesen war. Endlich hatten die Israelis wieder Zugang zur Klagemauer! Genau zur selben Zeit gebar die Hauptperson im Roman von Frau Fruchtman in London ihren einzigen Sohn, ohne von dem Ereignis in Nahost zu wissen. Vierzig Jahre später erinnert sie sich daran, auch wie ihr Mann ihr erst zwei Täge später mit dem Frühstück die Zeitungen ans Bett brachte, die darüber berichteten.

Nun muss ich unterbrechen, weil mein "Pflegedienst" überraschend kommt.

 

10. April

Ja, Der Pflegedienst nennt es "Spätdienst", irgendwann zwischen 17 und 20 Uhr oder auch noch später. Ich wünsch mir wenigstens, dass sie nicht vor 18 h kommen. Meistens gelingt das. Sie halten mir Beine und Füße frisch, wo ich nicht mehr so leicht dran komme. Sie wechseln  sich jede Woche ab, und ich lerne die verschiedensten Menschen kennen: ältere, jüngere, Männer und Frauen.  Wie wird man Pfleger im Pflegedienst? Auf verschiedene Weise...

Ich erzählte von "Jerusalemstag", dem Roman  von Ruth Fruchtman. Die weibliche Hauptperson  mit dem Namen "Roma" blickt 40 Jahre später auf die Geburt ihres einzigen Sohnes zurück - was, David schon 40? Das kann doch nicht sein. Sie waren eine gewöhnliche jüdische Familie in London, nicht religiös, eher assimiliert. Jetzt lebt Roma allein in Berlin, David ist nach Israel gezogen, von ihrem Mann ist sie lange geschieden. David hat sich in der Pubertät von der Mutter entfernt. Während die Mutter in Israel nicht heimisch wurde - momentweise zugehörig, vertraut, doch  der Ablehnung  der Palästinenser kann sie nicht folgen, da wird ihr unbehaglich. Sie erlebt zu viel Unrecht, so versteht sie das Verhalten der meisten andern.

Ich selbst bin dem Wort "Narrativ" zum erstenmal im Zusammenhang mit Nahost begegnet; die Israelis nannten die Geschichte der Palästinenser, so wie sie von ihnen selbst erzählt wurde, ein "Narrativ", im Gegensatz zur "Geschichte" an sich und zur eigenen Geschichte. Und Roma, Fruchtmans Hauptperson, erlebt sozusagen beide Geschichten gleichzeitig, - das Wort "Narrativ" gebraucht sie nicht - vergleicht sie und erzählt das ab Davids Geburt, ab dem Tag, der in Israel heute Jerusalemstag heißt. Und diese Gleichzeitigkeit im eigenen Erleben  habe ich sonst noch nirgendwo gefunden, sie faszinierte mich über die ganzen 256 Seiten hinweg. Der Roman erschien 2017 auf Deutsch (im KLAK-Verlag); stellenweise hat er was Prophetisches an sich.